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Wim Wenders
fährt Rad und S-Bahn

Wim Wenders meets Fahrradstadt Berlin

Berlin, 20. März 2009

Die Fahrradstadt Berlin hat einen neuen Star. Er ist so etwas wie der Oscar für die entspannte Fortbewegung auf zwei Rädern in einer Metropole. Wim Wenders macht's und redet drüber - übers Radfahren in Berlin.

Als sich am Mittwoch dieser Woche der Rittersaal langsam füllte, mochten wohl selbst die eingeweihten Anwesenden zweifeln ob er wirklich kommt. Der Rittersaal liegt im Verwaltungsgebäude der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und hat weder den Glamour der Berlinale, noch einen Hauch von Cannes und Côte d'Azur oder gar den von Hollywood und seiner Oscar-Gala.

Ein Hauch von Glamour im Rittersaal

"Wenn Sie wissen woher der Name für den Rittersaal in unserem Hause stammt, können Sie uns helfen - wir wissen es nicht", eröffnet die zuständige Senatorin Ingeborg Junge-Reyer dann auch die Preisverleihung. Es ist kurz nach elf und Wenders ist tatsächlich erschienen.

Es gibt keine Scheinwerfer, keine kreischenden Teenies und irgendwie merkwürdig wenig Reporter. Später kommt die Abendschau kurz vorbei, einige Zeitungen und Fotografen machen ihre Arbeit.

Wenders macht seine Liebe zum Fahrrad öffentlich

Als der Kultregisseur Wenders (von "Paris, Texas" über "Buena Vista Social Club" bis "Palermo Shooting") vor einigen Jahren in Berlin-Mitte eine neue Wohnung bezog, trennte er sich von seinem Audi A6 und fuhr stattdessen Fahrrad und S-Bahn. So wie Millionen Berliner auch. Und ebenso wie viele andere Prominente.

Doch wie schon lange vor der Abwrackprämie hielt sich die Wahrnehmung des neuen Lebensgefühls jenseits von vier Rädern in engen medialen Grenzen. Wenders machte dagegen seine neue Liebe zum Fahrrad öffentlich und gründete sogar eine Bürgerinitiative gegen den Autolärm auf der vierspurigen Torstraße.

Wenders ist ein Beispiel für bürgerliches Engagement für das Radfahren in Berlin - so wie in diesem Jahr mit ihm zahlreiche andere Berliner in insgesamt fünf Projekten. Dafür gibt es keinen Goldenen Bären, keine Goldene Palme und nicht einmal einen Silbernen Oscar als Trostpreis. Stattdessen gibt es eine laminierte Urkunde der Fahrradstadt Berlin - natürlich ohne Preisgeld. Sie ist jedoch umso mehr wert, da sie zeigt wie weit der Wunsch nach mehr Fahrradverkehr auf Berliner Straßen immer selbstverständlicher geworden ist.

 

Wim Wenders im Interview nachlesen

Bereits am 8. September 2005 trafen Benno Koch und der Fotograf Christian Kielmann den Regisseur Wim Wender zum Interview und zum Fotoshooting bei Radio Eins in Babelsberg. Und Wenders setzt dabei sich und die Faszination Fahrrad genauso professionell in Szene wie er es Jahre zuvor für seine Roadmovies getan hat. Und er sucht eine Idee ...

Seine Filme spielen oft in den Weiten Amerikas. Seine Helden steigen gewöhnlich in schwere Limousinen und fahren oder – wie im aktuellen Streifen "Don't Come Knocking" – reiten im Cowboy-Outfit dem Horizont entgegen. Jetzt hat der deutsche Kultregisseur Wim Wenders Los Angeles verlassen, um sich in Berlin-Mitte niederzulassen. Kaum hier angekommen, ver­kauft er seinen Audi A6 und fährt lieber mit dem Rad durch die Stadt. Benno Koch wollte mehr wissen und traf Wenders bei Radio Eins in Potsdam-Babelsberg.

Koch: Herr Wenders, wir kennen uns – ich saß 1984 bei der Premiere von "Paris, Texas" in der Ostberliner Akademie der Künste mit leuchtenden Augen in der fünften Reihe ...

Wenders: ... stimmt, das muss im Oktober gewe­sen sein, ich erinnere mich (lacht).

Koch: Jetzt bin ich von einer Meldung vor ein paar Tagen nicht weniger überrascht – Sie haben Ihr Auto verkauft?

Ich vermisse das Autofahren überhaupt nicht

Wenders: Es war der reine Frust, mit dem Auto durch die Stadt zu fahren. Jetzt bin ich mit mei­nem Fahrrad und der S-Bahn viel schneller un­terwegs. Knöllchen gibt’s auch keine mehr. Ich vermisse das Autofahren überhaupt nicht.

Koch: Und welche Erlebnisse haben Sie jetzt so in Berlin. Als Promi werden Sie doch sicherlich von jedem auf dem Fahrrad er­kannt?

Neulich bin ich durch den Tiergarten geradelt, da grüßte mich jemand: Guten Morgen, Herr Wenders!

Wenders: Man ist hier sehr entspannt im Umgang miteinander – der Berliner quatscht niemanden so schnell schräg an. Neulich bin ich mal durch den Tiergarten geradelt. Da grüßte mich jemand "Guten Morgen, Herr Wenders" – das war's.

Koch: Weniger prominente Berliner sagen uns hin und wieder, man könne in Berlin nicht so toll Rad fahren ...

In der Berliner Mitte komme ich mit dem Rad in jedem Fall am schnellsten von A nach B

Wenders: In der Berliner Mitte komme ich mit dem Rad in jedem Fall am schnellsten von A nach B. Mich nervt aber manchmal die Polizei. Als ich vor ein paar Tagen auf der Neuen Schönhauser in der Gegenrichtung zur Einbahnstraße fahrend von Weitem eine Kontrolle entdeckte, habe ich ein­fach einen U-Turn gemacht. Die mussten wohl mal wieder die Stadtkasse auffüllen.

Koch: Wir könnten ja auch etwas fürs Image tun – so wie Ihre Filme eine diffuse Sehnsucht nach Amerika und der Lust auf endlose Highways mit U2 im Autoradio vermitteln, könnte ich mir dies kaum weniger beeindruckend auch in der Uckermark oder in Berlin mit dem Fahrrad vorstellen ...

Wenders: In der Uckermark habe ich mich auch schon umgeschaut, zurzeit bin ich aber noch auf der Suche nach dem nächsten Drehort.

Koch: Für die angeblichen Vorzüge des Autofahrens wird täglich geworben, ein Spot fürs Fahrrad fehlt bisher völlig. Vor einiger Zeit haben Sie eine wunderbare Werbung für den ICE gemacht. Was müssen wir, was muss die Fahrradindustrie tun, damit Wim Wenders dies für das Radfahren nachholt? Einen Kaffee trinken gehen oder vorab eine sechsstellige Summe überweisen ...?

Mit Werbung gute Sachen unterstützen: Zuerst würde ja schon mal die Idee für einen 30-Sekunden-Spot reichen

Wenders: Zuerst würde ja schon mal die Idee für einen 30-Sekunden-Spot reichen. So etwas ähnliches habe ich schon einmal mit Jack Wolfskin gemacht, weil die gute Sachen haben und ich das unterstützenswert finde – vielleicht wäre das ja mal was.

 

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