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Europcar Mobilit├Ątsstudie
Mietstation in Hamburg

Europcar: 29 Prozent der Deutschen überlegen privaten Pkw abzuschaffen

Berlin, 20. Oktober 2009

Sollten die von Europas größtem Autoverleiher ermittelten Zahlen zutreffen, sind auf deutschen Straßen binnen Jahresfrist bis zu 12 Millionen Pkw weniger unterwegs. Ganze 88 Prozent davon können sich den Umstieg aufs Fahrrad vorstellen.

In der vergangenen Woche machte eine europaweite Mobilitätsstudie des Meinungsforschungsinstitutes Ipsos im Auftrag von Europcar erstaunliche Schlagzeilen.

So titelte Spiegel Online am 13. Oktober 2009: Deutschen vergeht die Lust am Pkw. Demnach können sich 29 Prozent der Bundesbürger vorstellen ihr Auto innerhalb eines Jahres ersatzlos abzuschaffen - vor einem Jahr waren es nur 17 Prozent. Befragt wurden in Deutschland 1.012, in allen sieben ausgewählten europäischen Ländern insgesamt 5.032 Autobesitzer.

Pkw-Besitz in Deutschland um 6,5 Prozent rückläufig, in Berlin um 13,5 Prozent

Von den zurzeit in Deutschland 41,3 Millionen zugelassenen Pkw könnten demnach bis zu 12 Millionen Fahrzeuge ersatzlos verschrottet werden. Ganz so unwahrscheinlich sind die von Europcar genannten Zahlen wohl nicht. Unter der Überschrift Alte Liebe rostet hat die Berliner Zeitung (Ausgabe 16.10.09) den Rückgang des Pkw-Bestandes seit 2001 ermittelt. Demnach sind in Berlin inzwischen 13,5 Prozent, in Bayern 2,2 Prozent weniger Pkw zugelassen - der Durchschnittswert für ganz Deutschland beträgt minus 6,5 Prozent.

Europcar sieht Chance für Mietwagen-Branche

Laut Europcar wollen 88 Prozent derjenigen die auf ihr Auto verzichten möchten Kosten sparen, 46 Prozent die Umwelt schonen. Bleibt die Frage, wie die Befragten künftig ohne Auto von A nach B kommen wollen. Europcar sieht mit 51 Prozent einen deutlichen Vorsprung für einen Mietwagen, vor nur 37 Prozent für eine Carsharing Mitgliedschaft - falls mal ein Pkw gebraucht würde. So oder so ähnlich schreiben es auch fast alle Medien.

Bereitschaft zum Umstieg aufs Fahrrad mit 88 Prozent viel höher

Doch in der selben Europcar-Studie steckt eine weitaus interessantere Zahl: Mit 88 Prozent können sich die Befragten grundsätzlich vorstellen, aufs Fahrrad umzusteigen, 32 Prozent wollen künftig hauptsächlich Radfahren. Zum Vergleich: Nur fünf Prozent der Befragten wollen künftig hauptsächlich auf einen Mietwagen und ganze drei Prozent auf ein Carsharing Modell umsteigen.

Professionelles Mietwagengeschäft durch Fahrradverleih ergänzen?

Bleibt die Frage, warum der weltweit drittgrößte Automobilverleiher Europcar sein offensichtlich erfolgreiches Geschäftsmodell nicht auf hochwertige Fahrräder ausweitet. "Wir haben mögliche Fahrradverleihsysteme bereits ins Auge gefasst, aber festgestellt, dass sie sich für uns nicht rechnen", sagt eine Unternehmenssprecherin auf Nachfrage.

Fahrradverleih in Deutschland vergleichsweise teuer, schlecht verfügbar und meist minderwertig

Tatsächlich kranken nahezu alle Fahrradverleihsysteme an mehreren Problemen. Die Qualität von Leihfahrrädern ist fast immer minderwertig, die Wartung mangelhaft, eine Oneway-Miete nahezu unmöglich oder auf einen Innenstadtbereich beschränkt, die Verfügbarkeit am Wochenende nahe Null, die oft unbegrenzten Laufzeiten als Leihrad zu lang und damit der Verschleiß zu hoch - und gemessen am Einkaufspreis der Fahrräder ist deren Mietpreis drei Mal höher als für einen Leihwagen.

Mietzins für neue Pkw geringer als für klapprige Altfahrräder

So kostet ein Fiat Grande Punto bei Europcar am nächsten Wochenende in Berlin (Freitag bis Montag) ganze 86,99 Euro - bei einem Neuwagenpreis von mindestens 11.000 Euro. Ein Call a Bike der Deutschen Bahn ist im gleichen Zeitraum für 27 Euro zu haben - bei einem offiziellen Einkaufspreis für das Leihfahrrad von lediglich 1.200 Euro. Bezogen auf Mietzins des Punto wären für's Call a Bike offenbar nur 9,50 Euro fällig.

Leihfahrräder: Grundkurs als Mechaniker von Vorteil ...

Da es für Leihräder wie das Call a Bike keinen regelmäßigen Austausch als Jahresfahrrad gibt (bei Pkw-Verleihern üblicherweise meist nur wenige Wochen), darf man mit den betagten Leihrädern zusätzlich selbst bei kurzen Strecken gerne mal einen Platten, eine gerissene Kette, quietschende Scheibenbremsen, klappernde Anbauteile ... in Kauf nehmen. Selbst die Reifen auf den vorgeschriebenen Druck aufzupumpen, wird gerne dem ahnungslosen Kunden überlassen. Die Qualität der anfangs in Paris gefeierten Vélib’ ist dabei offenbar sogar so minderwertig, dass selbst Rahmen brechen können - auch wenn dafür gerne Vandalismus verantwortlich gemacht wird.

Fahrradverleih: Hochwertige Leihräder am Airport und in der Fläche mit Autoverleih vernetzen

Neben den qualitativen Mängeln ist vor allem das fehlende Netz an Mietstationen für Fahrräder ein Haupthindernis für deren stärkere Nutzung. Während Europcar und andere Autoverleiher von den Airports, über die meisten wichtigen Bahnhöfe bis hin zu wichtigen Citylagen praktisch flächendeckend vertreten sind, beschränkt sich der Fahrradverleih in der Regel auf den Innenstadtbereich. Obwohl zum Beispiel der neue Airport Berlin-Brandenburg International (BBI) bereits heute mit dem Berliner Mauerweg eine sinnvolle und bestens ausgebaute Fahrradverbindung bis fast in die Innenstadt hat, fehlt ein Fahrradverleih vollständig.

Ein professionelles Fahrradverleihsystem jenseits von gutgemeinten kommunalen Förderversuchen zumindest mal durchzurechnen, dürfte eine spannende Aufgabe sein. Und wer, wenn nicht ein mit dem Verleihgeschäft bestens vertrautes Unternehmen wie Europcar sollte dies können? Der Kundenwunsch scheint ja schon mal vorhanden zu sein ...