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Europaradweg R1
East Side Gallery Berlin

Neue Fahrradwegweisung: Europaradweg R1 durch Berlin

Berlin, 3. November 2009

Noch vor dem Fall der Berliner Mauer entstand die Idee für den Europaradweg R1 nach Berlin. Seit Oktober 2009 ist nun die Fahrradwegweisung vom Brandenburger Tor Richtung Osten vollständig. Benno Koch hat die Piste von Mitte nach Erkner mit einem kleinen Abstecher zum Müggelturm getestet.

Am 9. November 2009 jährt sich die erste friedliche Revolution auf deutschem Boden und der Mauerfall in Berlin zum 20. Mal. Doch für den Straßenbauingenieur Georg Marquard aus Höxter begann die Wiedervereinigung bereits irgendwann zwischen 1984 und 1988 - mit der Idee des Europaradweges R1.

Idee für einen Europaradweg von Frankreich durch Deutschland nach Russland entstand in Höxter

Als Leiter der Straßenbauabteilung war Marquard damals verantwortlich für den Bau eines 170 Kilometer langen überregionalen Radweges durch Westfalen - man wollte die Fahrradtouristen aus Münster nach Höxter locken.

Dabei setzte das als Westfalen-Radweg geplante Asphaltband mit einer durchgängigen Mindestbreite von 2,60 Meter neue Maßstäbe - und erhielt wohl irgendwie zufällig die bedeutungsschwere Nummerierung R1.

Reichsstraße 1 im Wiederentstehen - diesmal für Radfahrer

So entstand wenig später die Idee für einen überregionalen Radweg quer durch Europa - in Anlehnung an die einstige Reichsstraße 1 von Aachen über Berlin nach Königsberg. Die heutige Gesamtstrecke des Europaradweges R1 verbindet das französische Boulogne-sur-Mer im Westen mit dem russischen St. Petersburg im Osten - auf mehr als 3.500 Kilometern. Auch wenn noch ein paar hundert Kilometer auf den offiziellen Ausbau warten ...

Europaradweg R1 in Berlin - Anfang der 1990er Jahre ein unerfüllter Traum

In Berlin war der R1 Anfang der 1990er Jahre der Inbegriff für einen überregionalen Radfernweg - zunächst als unerreichbarer Traum. Als 1997 eine provisorische Wegweisung mit kleinen R1-Schildern quer durch Berlin aufgestellt wurde, gab es ein beliebtes Fotomotiv für Fahrrad-Aktivisten - mehr nicht.

Ab 2000 wurde Fahrradverkehr in Berlin für Politik wichtiger

Anfang 2000 begannen nach einem Regierungswechsel ernsthaftere Planungen für ein Berliner Fahrradroutennetz. Der rot-rote Senat verabschiedete erstmals einen eigenen Haushaltstitel für den Fahrradverkehr und berief einen Fahrradbeauftragten. Im November 2004 wurde die Radverkehrsstrategie Berlins beschlossen. Nun stand einem Ausbau des R1 und einer brauchbaren Wegweisung nicht mehr allzu viel im Wege ...

2006 entstand südlich vom Müggelsee einer der schönsten Radwege Berlins

Als im Juli 2006 nach nur zwei Monaten Bauzeit ein rund elf Kilometer langer Asphaltstreifen südlich des Müggelsees eröffnet wurde, war dem ein jahrelanger Abstimmungsmarathon vorausgegangen. Vor allem in diesem Abschnitt zwischen Alt-Köpenick und Erkner ist der R1 einer der schönsten Radwege Berlins geworden.

Eine passende Fahrradwegweisung musste jedoch noch Jahre warten

Doch wo führt der R1 nun offiziell entlang, wie kann der nächste S-Bahnhof und die nächste Sehenswürdigkeit erreicht werden? Noch einmal erreicht der Streit um die fehlenden Schilder ungeahnte Dimensionen.

Grünanlagen - für viele Berliner der einzige Grund aufs Fahrrad zu steigen

Tatsächlich führt der R1 nicht nur auf öffentlichem Straßenland entlang - es geht auch durch Forsten und durch geschützte Grünanlagen. Letztere müssen von den Bezirken mit Zusatzschildern zum Rad fahren freigegeben werden - sonst verbietet das Berliner Grünanlagengesetz offiziell die Durchfahrt. Also ausgerechnet dort wo es für viele Berliner überhaupt einen Grund gibt aufs Rad zu steigen - und wo es am schönsten und sichersten für alle ist.

Der Streit ist nun beigelegt, die Fahrradwegweisung am Europaradweg R1 auf der fast 38 Kilometer langen Strecke vom Brandenburger Tor nach Erkner nahezu lückenlos.

Auf dem R1 mitten durchs Regierungsviertel

Los geht's am Brandenburger Tor mitten im Regierungsviertel. Der R1 kommt hier von Westen durch den Großen Tiergarten auf einer Radspur an und führt Unter den Linden auf der Busspur weiter zum Schlossplatz. Offiziell beginnen erst dort alle Berliner Fahrradrouten - noch ist das Areal aber eine wenig einladende Brache.

Fahrradwegweisung noch immer Wegweisung zweiter Klasse

Ein paar Meter weiter hinter der Spree zweigt die Spandauer Straße nach rechts zum Roten Rathaus ab. Wer hier nicht aufpasst übersieht den kleinen, verdrehten Pfeilwegweiser. Der Bezirk Mitte hatte die Schilder zuerst aufgestellt, einige fallen bereits wieder ab oder Bauarbeiten zum Opfer, andere dem Vandalismus.

Vom freiwilligen Engagement der Verwaltung abhängig

Anders als in der normalen Straßenwegweisung üblich, sind die deutlich kleineren Schilder für Radfahrer noch immer eine Art Good Will Aktion. Anstatt die Straßenverkehrsordnung zu ändern und eine gleichberechtige Fahrradwegweisung festzuschreiben - die Schweiz hat es so gemacht - müssen Radfahrer weiter auf das freiwillige Engagement der Bezirke bei der Pflege und Wartung der Schilder hoffen.

Auf dem R1 beim Regierenden Bürgermeister vorbeischauen

Vorm Roten Rathaus und am Fernsehturm vorbei zum Alexanderplatz ist bereits seit einigen Jahren Berlins breitester Radweg zu finden. Wenn man die wenigen Fahrradpiktogramme auf dem Asphalt nicht übersieht. Gleich hinter der Stadtbahnbrücke biegt der R1 zum Alexa und zur Karl-Marx-Allee ab. Vorbei am Strausberger Platz ist die einstige Stalinallee als Prachtstraße des Sozialismus im Zuckerbäckerstil noch immer beeindruckend. Der schmale und gerne holprige Radweg - erst vor ein paar Jahren saniert - ist übrigens ungleich weniger großzügig ...

Sechsspurige Mühlenstraße wurde fahrradfreundlicher

Auf der Radspur der Andreasstraße geht es zum Stralauer Platz und wieder zur Spree. Die einst sechsspurige Mühlenstraße entlang der East Side Gallery ist inzwischen mit einer Radspur befriedet - und erstaunlich entspannter befahrbar als noch vor wenigen Jahren.

East Side Gallery - Fahrrad vs. Trabi

Auch die Farben an der einstigen Berliner Mauer - dem längsten erhaltenen Abschnitt bis zur Oberbaumbrücke - sind zurückgekehrt. Wo vor genau 20 Jahren noch Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl die Menschen in Ost und West trennten, steht heute Berlins längste Open Air Galerie in neuem Glanz. Naja, vielleicht stimmen einige Bilder nicht mehr ganz - heute durchbrechen Touristen die Mauer nicht mehr mit dem Trabi, gerne aber mit dem Fahrrad ...

Europaradweg R1 in Berlin meist identisch mit Spree-Radweg - aber praktisch nie direkt an der Spree

Auf der Oberbaumbrücke geht es über die Spree nach Kreuzberg, um auf der Radspur der Schlesischen Straße und dem Radweg der Puschkinallee in den Treptower Park zu gelangen.

Wie fast auf der gesamten Strecke ist der R1 hier deckungsgleich mit dem Spree-Radweg - und führt praktisch nie offiziell an der Spree entlang. So müssen Radfahrer an der Puschkinallee zunächst etwas holprig mit der dritten Reihe Vorlieb nehmen - hinter dem Spreeuferweg und der stark befahrenen Bundesstraße B96a. Genaugenommen macht dies aber niemand ...

Am Dammweg dürfen auch Radfahrer erstmals offiziell in die Nähe der Spree - bis zur Ruine des einstigen Kulturparks Plänterwald. Heute steht das riesige Riesenrad in einer Art Urwald - wo sich zu DDR-Zeiten jährlich 1,7 Millionen Besucher tummelten. Der seit 1997 von der Spreepark GmbH betriebene Kulturpark meldete 2001 Insolvenz an - angeblich vor allem, weil es zu wenige Parkplätze gab.

BVG-Fähre Wilhelmstrand - was macht eigentlich ein Fährmann in 52 Minuten Pause pro Stunde?

Auf der schon vor einigen Jahren neu asphaltierten Kiehnwerderallee geht es autofrei weiter durch den Plänterwald bis zur Baumschulenstraße. Hier wartet die BVG-Fähre F11 auf Kunden - oder auch nicht.

Wer die zweiminütige Fahrt auf der Spree hinüber zum Wilhelmstrand antreten möchte, muss bis zu 30 Minuten in der Herbstkälte auf den Fährmann warten.

Die beauftragte Stern- und Kreisschiffahrt schippert ganze zwei Mal pro Stunde hin und her, während 90 Prozent der Radfahrer nach einem kurzen Blick auf den Fahrplan das Weite suchen. Womit der Fährmann in den verbleibenden 52 Minuten beschäftigt ist, bleibt unerkannt - im warmen Fährhaus am anderen Ufer ...

Kurioser Streit um Radwege in Grünanlagen entschieden

Über die Rummelsburger Landstraße geht es weiter zum Hegemeisterweg und gleich hinter der Treskowallee in die Wuhlheide. Hier gab es noch vor wenigen Wochen einen kuriosen Streit zu erahnen - wenn man zuvor die Berliner Gesetzeslage studiert hatte.

Der bereits seit drei Jahren aus Mitteln des Berliner Fahrradetats fertiggestellte Asphaltstreifen - am Modellpark vorbei und auf dem Eichgestell zum FEZ - war offiziell für Radfahrer gesperrt. Wie bitte? Naja, es fehlte ein winziges Freigabeschild an den Zufahrten - sonst ist in Grünanlagen das Rad fahren verboten. Ach so. Zuständig fürs Grünanlagengesetz ist der Bezirk. Und so sah sich die für die Wegweisung zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung jahrelang nicht in der Lage die offiziellen R1 Schilder aufzustellen.

Ungewöhnliche Warnungen an Radfahrer - damit die Kleinen wie die Großen fahren können

Jetzt ist es geschafft - und ein paar ungewöhnliche Schilder wurden gleich mitaufgestellt. Eines warnt: Fußwege kreuzen -mit Ausrufezeichen! Na so was? Ein paar Meter weiter heißt es: Achtung Kinderspielplatz - ungefähr da, wo sonst gerne Rammstein aufspielen, auf der Kindl-Bühne ...

Tatsächlich taucht ein paar Meter weiter ein "Spielplatz" auf: Fahren wie die Großen, heißt es dort. Staunend stehen die Kurzen auf ihren Laufrädern am Rand der Piste. Wenig später kracht der Bolide eines Minderjährigen lautstark in die Leitplanken - die Hackordnung muss früh trainiert werden ...

Geschichte entlang der Spree entdecken - Spindlersfeld

Gleich wird wieder die Spree überquert. Aus dem Freizeit- und Erholungszentrum Wuhlheide (FEZ) - dem einstigen Pionierpark - geht es hinaus zur Straße An der Wuhlheide und weiter zur Wilhelm-Spindler-Brücke.

Nun geht es durch Spindlersfeld, einer von Backsteinruinen geprägten Werkssiedlung der einstigen "Wäscherei, Färberei und chemischen Reinigung" Spindlers. Heute führt hier der R1 beschaulich grün und erstmals direkt an der Spree entlang durch den Mentzelpark.

Wo ist eigentlich der Hauptmann von Köpenick?

Am gegenüberliegenden Ufer wird das Köpenicker Rathaus sichtbar, wenig später das Schloss Köpenick. Spätestens hier pulsiert der Tourismus! Oder doch nicht? Treptow-Köpenick ist der grünste und wasserreichste Bezirk Berlins. Und ein traditionelles Ausflugsgebiet. Mit dem Hauptmann von Köpenick hat er zudem ein unschätzbares Marketing - vermutlich jedes Kind weltweit kennt heute seine Geschichte.

So lachte die ganze Welt lachte vor hundert Jahren über den genialen Coup des arbeitslosen Schuhmachers Wilhelm Voigt. Verkleidet in der Uniform eines preußischen Hauptmanns requirierte er am 17. Oktober 1906 zwei Trupps regulärer Gardesoldaten in Berlin und fuhr mit der S-Bahn nach Köpenick. Dort ließ sich von Köpenicks Bürgermeister Georg Langerhans die Stadtkasse mit 3.557 Reichsmark und 45 Pfennigen aushändigen.

Während heute in Versailles jeder Besucher schon am Bahnhof vom Sonnenkönig empfangen wird, sucht man den Hauptmann von Köpenick in der Altstadt jedoch vergebens.

Auf einem neu gebauten Gehweg-Radweg ohne Sicherheitsabstand zu parkenden Autos führt der R1 nun an der Müggelheimer Straße entlang zum Allendeviertel.

Kurz darauf geht's bestens asphaltiert auf dem Müggelschlösschenweg autofrei durch die Kämmereiheide zum Spreetunnel. Hier ist der schönste Abschnitt des R1 erreicht - rund elf Kilometer trifft man auf dem Weg vorbei an Rübezahl und Müggelseeperle Natur pur.

Müggelturm - etwas abseits des R1 ohne Fahrradwegweisung

Mit der neuen Fahrradwegweisung nicht ausgeschildert ist interessanterweise der Müggelturm - mit einst 240.000 Besuchern pro Jahr die wichtigste Sehenswürdigkeit im Bezirk.

Hier findet sich auch der Name Spindler wieder - 1889 ließ der Wäschereibesitzer einen 27 Meter hohen hölzernen Aussichtsturm errichten. Der Turm im chinesischen Pagodenstil brannte 1958 ab - und wurde 1961 als Stahlbetonturm neu errichtet.

Heute ist das Müggelturm-Areal eine morbide Ruinenlandschaft. Der ungarische Pächter András Milak bemüht sich zu retten was zu retten ist - bis 17 Uhr ist sein Kiosk und der Turm täglich geöffnet. Letzterer mit einem grandiosen Ausblick über Berlins Amazonas! Der Bezirk Treptow-Köpenick hat sich in den vergangenen Jahren nicht besonders clever bei der Vermarktung des Anwesens angestellt, so scheint es ...

Am Fuße der Müggelberge geht es auf dem Europaradweg weiter bis zur Russenbrücke - einst tatsächlich 1945 von der Roten Armee aus Baumstämmen gebaut und 2002 in der heutigen Form neu errichtet - und nach Erkner, wo die S- und Regionalbahn erreicht werden.

Europaradweg R1 östlich der Oder - eine spannende Herausforderung

Was bleibt ist ein grüner, oft hervorragend befahrbarer Radfernweg quer durch Berlin. Mit kleinen Schwächen. In diesem Herbst hat die Fahrradwegweisung eine neue Qualität erreicht. In jedem Fall aber mit viel Potenzial für Lust auf mehr!

In Brandenburg ist der R1 inzwischen hervorragend ausgebaut und der Blick über die Oder weiter nach Polen, ins Baltikum und nach Russland eine spannende Herausforderung. Während Fahrradtourismus in Polen noch in der Kinderschuhen steckt, ist der R1 zum Beispiel in Estland schon fast perfekt. Und auch der Übergang nach Russland steht schon längere Zeit auf der ToDo-Liste ...

 

Hintergrund

- Fotos Europaradweg R1 unter www.benno-koch.de ansehen

- Fotos einer geführten Radtour auf dem R1 von Friedrichshagen nach Erkner unter www.benno-koch.de ansehen

- den GPS-Track R1 in Berlin unter kontakt@benno-koch.de anfordern