Login  
/uploads/j6/c9/j6c9J8S4FxLrDZa-x1NMTA/P1000096-Oder-Welse-Radweg-ABBA-Show-Gartz.jpg
ABBA Show Gartz:
Oder-Welse-Radweg,
Garten Eden Kummerow
und ABBA Revival Show
- der perfekte Tag!

Tourtagebuch: ABBA Show Gartz und Garten Eden Kummerow

Berlin, 4. Oktober 2012

Es gibt Geschichten, die sind so schön, dass sie eigentlich unter uns bleiben müssten. Der Garten Eden im uckermärkischen Kummerow ist so eine. Soeben sind hier die ersten Fahrradstraßen entstanden. Manchmal wird damit eine Gastfreundschaft wachgeküsst, die es bisher nicht gab. Gekrönt von der ABBA Showbühne in Gartz wurde gestern ein ganz kleiner Traum Wirklichkeit.

Eine Region ganz im Nordosten Brandenburgs hat das Zeug für mehr. Für mehr Fahrradtourismus. Mit zwei insgesamt rund zehn Kilometer langen Fahrradstraßen des Oder-Welse-Radweges und des Uckermärkischen Radrundweges zwischen Pinnow (Uckermark) und Groß Pinnow sind im Herbst 2012 ganz neue Tagesausflüge mit dem Rad möglich. Eine rund 44 Kilometer kurze Strecke zwischen den Bahnhöfen Pinnow (Uckermark) und Tantow wurde gestern mit einer der schönsten Radtouren des Jahres getestet.

Die endlos schönen Weiten der Uckermark sind nicht neu. Neu sind einige Fahrradstraßen abseits des Autoverkehrs. Dass jene Fahrradstraßen als solche gefördert, aber für den (wenigen, meist lokalen) Autoverkehr dennoch befahren werden dürfen, bleibt ein Geheimnis der zuständigen Straßenverkehrsbehörden. Auf Fahrradstraßen dürfen Radfahrer immer zu zweit nebeneinander fahren, die Höchstgeschwindigkeit beträgt für alle Verkehrsteilnehmer 30 km/h. Die vorhandenen Landstraßen in der Nähe sind für Kfz eigentlich immer die schnellere Verbindung.

An diesem sonnenverwöhnten Tag der Deutschen Einheit stört aber kaum etwas die beschauliche Ruhe der Uckermark. In Pinnow liegt der riesige sanierte Gutshof verlassen vor sich hin, der Dorfbackofen ist kalt, ein Café gibt es nicht, keine Menschenseele verirrt sich auf die Straße. Nur ein paar erwartungsfreudige Fahrradtouristen aus Berlin sind hier aus dem Zug gestiegen. Das Ziel heißt die Bühne der ABBA Revival Show auf dem Markt in Gartz. Auf den 35 Kilometer dazwischen erwarten sie nichts. Nichts außer verlassenen Dörfern und endloser Landschaft.

Doch bereits an den ersten schwer beladenen Apfelbäumen erreicht die Begeisterung einen ersten Höhepunkt. Können Äpfel wirklich noch so gut schmecken? Ein paar Kilometer weiter ragen die Ruinen des Tudor-Schlosses Hohenlandin in den strahlend blauen Himmel. Beschaulich schön. Und normalerweise menschenleer. Der Rasen davor ist mit einem Holzschild als Festwiese ausgewiesen. Am heutigen Feiertag lässt sich niemand hier blicken.

Die Fahrradstraße des Oder-Welse-Radweges erreicht Herrenhof hoch oberhalb des Randowbruches, mit weitem Ausblick bis zum Steinkohlekraftwerk Gryfino. Das Dorf hat sich erfolgreich gegen den Radweg an ihren Häusern vorbei gewehrt, weil deren Einwohner zunehmenden Verkehr, Lärm und Gestank befürchteten. Offiziell führt der Radweg nun ein paar hundert Meter an Herrenhof vorbei. Die Dorfstraße wurde trotzdem neu gebaut. Und tatsächlich steigt der Lärmpegel, als die Fahrradfahrer von den Dorfhunden entdeckt werden. Doch vielleicht lässt sich die Angst vor gewöhnlich lautlosen Touristen auf zwei Rädern noch überwinden - ein paar über den Gartenzaun hängende Äpfel dürfen sie schon mal ganz legal ernten.

In Kummerow erreicht die Gastfreundschaft ihren unerwarteten Höhepunkt. Bereits vor ein paar Tagen wurde hier eine neue Fahrradstraße des Uckermärkischen Radrundweges offiziell eröffnet. Man hat ein bisschen gefeiert, doch noch ist man mit dem Fahrrad und der dazugehörigen Klientel wenig vertraut. Wer auf dem platten Land lebt, empfindet den Weg zum nächsten Dorf normalerweise zu lang - zumindest mit dem Fahrrad. So ist die neue Fahrradstraße zur Landstraße L273 auch gleich für alle Kfz freigegeben. Doch ein eher zufälliger Abstecher zum alten Dorfgasthof Kummerow wird zur unvergesslichen Begegnung mit der neuen Lebensart.

Ilona Pahl eilt über die Dorfstraße und strahlt. Noch nie seien hier so viele Fahrradtouristen angekommen. Eine Speisekarte gibt es nicht. Genau genommen ist der Gasthof des 100 Seelenortes auch menschenleer. "Ich zeige Euch erst mal unser Dorf", geht die Wirtin aus sich heraus. In wenigen Minuten steigert sie sich zur perfekten Gastgeberin, wie es sie in Brandenburger Dörfern ganz selten gibt. Frisches Brot mit Schmalz, heißer Kaffee und Tee, warmer Kuchen - und selbstgemachter Pflaumen- und Holunderschnaps finden ihren Weg in den Garten hinter dem Gasthof rund um die Hollywoodschaukel. "Ihr seid so eine nette Truppe, erzählt doch mal Eure Geschichte." Naja, aus fünf Minuten wurden so anderthalb Stunden. Und Kummerow für ein paar Großstädter zum wirklich lebendigen Garten Eden Brandenburgs.

Hinter Groß Pinnow bis zur Oder bei Friedrichsthal wurden die maroden DDR-Betonspurplatten noch einmal zur echten Herausforderung. Zumindest auf einem Teilabschnitt ist hier ein Ausbau geplant, touristisch wäre die gesamte Strecke sehr wichtig. Falls die Sache mit dem Fahrradtourismus in der Region ernst gemeint ist.

Der bestens asphaltierte Oder-Neiße-Radweg wurde zum würdigen Finale in die einstige Hansestadt Gartz. Das frisch renovierte Restaurant Pommernstube überraschte mit seiner frischen und sehr reichhaltigen Küche - auch wenn an den Gerichten für Vegetarier noch ein bisschen gearbeitet werden könnte.

Hundert Meter weiter spielte sich auf dem Marktplatz schon die ABBA Revival Show warm. Die vier polnischen Bandmitglieder stammen aus Gartz, Stettin und Swinemünde. So wie auch immer mehr junge Familien der neuen polnischen Mittelschicht die Region westlich der Oder zum heimlichen lebendigen Vorort von Stettin machen.

Tausend, nach einigen Schätzungen sogar 2.000 Menschen waren zur ABBA Showbühne gekommen. Darunter ein paar Fahrradtouristinnen aus Berlin, die sich als erste in bester Partylaune vor der Bühne amüsierten. Im Vergleich zum männlichen Tourenleiter natürlich mit bestem Rhythmusgefühl. Versteht sich. Als dann auch die hinteren Reihen langsam von den Bänken aufstanden und mitwippten, war die offizielle Feier zum 20jährigen Jubiläum des kleinen Amtes Gartz (Oder) wohl perfekt - und die spektakulärste Veranstaltung im Ort seit Menschengedenken.

Der Rückweg mit dem Zug nach Berlin fehlt noch. Die einstige Bahnlinie von Gartz nach Tantow ist längst stillgelegt. An diesem Abend wurde der rund neun Kilometer lange heutige Feldweg zum Zubringer zum Bahnhof - begleitet vom riesigen Vollmond knapp über dem Horizont und einigen Schlaglöchern. Letzteres eine schöne Herausforderung für das Amt Gartz - die Feier für die Einweihung der neuen Fahrradstraße hier soll ja schon in Planung sein. Gerne wieder an der ABBA-Showbühne!

 

Hintergrund