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Tag am Meer:
Nichts wärmt im
Novembergrau mehr als
eine entspannte Radtour
und der Kamin danach

Tourtagebuch: Novembergrau, Kaminfeuerrot und ein Hauch Katie Melua

Berlin, 19. November 2012

Wohlig warm knistert der Kamin in der Ruine der Lutherkirche. Sanft haucht Katie Melua ihre geheime Symphonie vom CD-Player in die alten Backsteingemäuer. Dies ist das Ende einer einzigartigen Radtour im Novembergrau quer über die Insel Usedom ins polnische Swinemünde. Wie Tourismus im Spätherbst funktionieren kann, beschreibt eine neue Seite im Tourtagebuch von Benno Koch.

Habe ich den Restaurant-Button auf den Seiten der Usedom Tourismus GmbH wirklich übersehen? Ein Anruf bringt Klarheit: Es gibt keinen. Das Geschäftsmodell der Profitouristiker muss ich mir noch mal erklären lassen. Eigentlich war ich nur auf der Suche nach einem guten Restaurant in den Usedomer Kaiserbädern mit frischer Küche und Wohlfühlambiente ohne Schwellenangst. Also mit unkomplizierter Polsterecke am offenen Kamin. Und ohne weiße Tischdecken und Gästebelehrung. Einfach so wie in jedem britischen Pub.

Wir sind zwischen Anklam und Ahlbeck auf Abschnitten des Radweges Berlin-Usedom unterwegs. Es ist Mitte November. Der Nebel ist zäh. Der Sonnenauf- und untergang ist der Unterschied zwischen Mittel- und Dunkelgrau. Meteorologen die garantiert jeden Klimawandel exakt vorhersagen können, hatten vor drei Tagen noch sieben Stunden schönsten Sonnenschein angekündigt. Im nächsten Leben will ich Klimawahrsager werden.

Niemand kommt auf die Idee jetzt eine Radtour für Genießer zur Badewanne der Berliner anzubieten. Mit einer Ausnahme. Selbst als endgültig klar ist, dass einer der grauesten Tage des Jahres bevorsteht, kommen immer mehr Zusagen. Drei Kamine sollen diese Radtour am Ende zusammenhalten.

Der 400 Jahre alte Renaissancekamin von 1613 im Wasserschloss Mellenthin ist der erste der Reihe. Umgeben von mächtigen Säulen und Gewölben werden hier frischen Waffeln, Torten und Kaffee serviert. Die wohlige Wärme des Bullerjan-Kaminofens macht das Anwesen zu einem märchenhaften Ort. Schlossherr Jan Fidora hatte sich 2001 in einer Ausschreibung um das Wasserschloss gegen 32 Kaufinteressenten durchgesetzt. Der Legende nach auch dank seines bodenständigen Bullis gegen den schönen Schein des einen oder anderen Mercedes seiner Mitbewerber. Die vor einem Jahr im Seitenflügel des Schlosses eröffnete Gasthausbrauerei und die nagelneue Kaffeerösterei in der ehemaligen Schlosshofkapelle unterstreichen den außergewöhnlich guten Eindruck.

Wenig später stechen die Seebäder Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck in ihrer oft weißen Pracht aus dem Grau des Abends heraus. Am Strand beeindruckt das Geschrei der Seemöwen die Großstädter. Erstere sind weniger beeindruckt und fressen Kekskrümel auch gerne aus der ausgestreckten Hand.

Die Seebrücken erstrahlen jetzt für einen kurzen Augenblick im mystischen Blau der Dämmerung. Der drei Meter breite asphaltierte Radweg neben dem Gehweg der Strandpromenade ist so eine Art Krönung auch für Fahrradtouristen. Mit ein paar Lücken. An anderen Stellen ist Usedom eine einzige Lücke im Radwegenetz. Eine Fahrradstraße gibt es auf der gesamten Insel bis heute nicht.

Am östlichen Ende der Kaiserbäder in der dritten Reihe versteckt sich das Kaisers Eck direkt an der Ahlbecker Kirche. Das Restaurant wirbt mit seiner Mitgliedschaft im Confrérie de la Chaîne des Rôtisseurs. An diesem Abend läuft unsere junge Gastgeberin Sandra Schmidt zur Höchstform auf. Gemeinsam mit ihrem Küchenchef Fred Quaisser betreibt sie das Haus seit Pfingsten 2012.

Der Kamin in der gläsernen Veranda knistert wohlig vor sich hin. Kein Hit-Radio-Gedudel stört die Schönheit. Die Karte verspricht eine vielfältige frische Küche zu Friedenspreisen - gemessen an der ersten Reihe. Wir bestellen vom frischen Fisch bis hin zur Crème brûlée alles einmal rauf und einmal runter. Die Erwartungen werden noch übertroffen - auf einer Gourmetreise für Rad fahrende Genießer.

Ein paar Kilometer weiter im polnischen Swinemünde lockt das neue Interferie Medical Spa mit Sauna, Pool und einem Drink in der riesigen Lounge - und großen Hotelzimmern direkt hinter der Düne am Waldrand. Statt am Abend mit der Bahn nach Berlin zurück zu fahren, geht der Tag am Meer für einige Teilnehmer in die Verlängerung.

Der nächste Morgen beginnt mit einem Spaziergang im Sonnenaufgang am Meer. Genauer gesagt änderten sich die Grautöne im Tageslicht nur marginal. Vielleicht genau deshalb wird es wieder eine wunderbar mystische Stimmung. Vorbei an den einstigen Festungen der Swinemündung führt eine kurze Radtour zum Hafen, auf einer kleinen Rundfahrt mit der Stadtfähre über die Swine und zu einer einzigartigen Kirchenruine.

Der Turm ohne Spitze ist heute ein Aussichtsturm. Das 1945 zerstörte Kirchenschiff ist bereits vor 50 Jahren abgerissen worden. Die Gewölbe am Turmfuß der einstigen Martin-Luther-Kirche beherbergen heute das einzigartig stilvolle Café Wieża samt offenen Kamin. Sanft umschmeichelt Katie Melua aus der wohltemperierten Soundanlage die Szenerie. Schöner kann ein Novemberwochenende nicht sein.

 

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