Login  
/uploads/0_/6s/0_6s-EDvNFoZi9n8I6UX9A/P1020565-Treidelweg-Vorschau.jpg
Wintertraum:
Der Treidelweg am
Finowkanal kurz vor
Marienwerder

Tourtagebuch: Wintertraum Treidelweg und Schorfheide

Berlin, 2. Dezember 2012

Jetzt ist die Stille zurückgekehrt. Extra für uns wird der Kamin am Ufer des Werbellinsees angeheizt. Unterwegs gibts Zuckerartistik in einer Konditorei, Bienenstich in einer Galerie und Fasan dort, wo bereits Erich Honecker speiste. Wie Fahrradtourismus im Winter funktionieren kann, beschreibt eine neue Seite im Tourtagebuch von Benno Koch.

Plötzlich schweben große weiße Flocken vom Himmel. Das Novembergrau geht pünktlich am ersten Dezembertag in vorweihnachtliches Schneeweiß über. Binnen Minuten verwandelt sich der Washingtonplatz vor dem Glaspalast des Berliner Hauptbahnhofs in ein Wintermärchen. Ein paar Fahrradtouristen wollen den Wintertraum nicht verpassen. Rad fahren im frischen Schnee ist unproblematisch. Mit dem Regionalexpress geht es aus der Metropole im Spreetal hinauf auf die Barnimhochebene - einer gerade jetzt einzigartig schönen Landschaft mit einem Hauch Industrieromantik.

Der Waggonaufzug der früheren Hufnagelfabrik aus dem Jahre 1908 versteckt sich an der Abbruchkante zum Finowkanal. Er ist älter als das berühmte Schiffshebewerk Niederfinow. Doch kein Schild verrät das Industriedenkmal ein paar Meter nordwestlich vom Eberswalder Hauptbahnhof. Bis 1971 wurden hier bis zu 30 Tonnen schwere Eisenbahnwaggons von den Lastkähnen im Tal sechs Meter hinauf zur Stettiner Bahn befördert.

Das Stahlfachwerk des Borsig-Waggonaufzuges ist heute längst zugewachsen. Wohl kein normaler Tourist ahnt etwas von seiner Existenz. Heute verzaubert der Schnee die letzten Reste. So wie auch die Landschaft im Märkischen Manchester links und rechts von Deutschlands ältestem Kanal. Bereits zwischen 1605 und 1620 wurde hier das Flüsschen Finow ausgebaut und schiffbar gemacht.

Der einstige Treidelweg am Finowkanal ist vor ein paar Jahren als Oder-Havel-Radweg wiederentstanden. Bis nach Marienwerder säumen riesige knorrige Bäume die Ufer, die aussehen als wären sie kaum jünger als der 400 Jahre alte Kanal selbst. Die Reste der einstigen Industrielandschaft am Kanalufer sind längst von der Natur zurückerobert. Ein paar Ruinen wie die einstige Papierfabrik im Wolfswinkel oder das Kraftwerk Heegermühle strahlen heute eine Beschaulichkeit aus, die in Wahrheit noch vor wenigen Jahren im Smog ihrer Schlote ohne jede Romantik gewesen sein dürfte.

Inmitten der historischen Messingwerksiedlung wurde der alte Wasserturm Finow vor zwei Jahren mit 1,2 Millionen Euro aufwändig saniert. Offenbar ohne die Fördermillionen mit einem Mindestmaß an Zweckbindung und einen touristischen Nutzen zu koppeln. Nicht nur jetzt im Winterhalbjahr sind die Türen hier verschlossen.

Ganz anders bei der jungen Konditorin Nadine Kmitta. Die heute 24-jährige verschlug es zunächst wie viele junge Brandenburger nach Österreich. Im Gasteinertal lernte sie wie Tourismus wirklich funktionieren kann, bevor sie 2010 zurückkam und im brandenburgischen Finowfurt ihr erstes Caféhaus eröffnete. Mit Unterstützung ihrer Familie, jedoch ohne öffentliche Fördergelder. Die Torten, Kuchen und Brote in der modern wiederentstandenen Teutoburg direkt am Finowkanal sind vom ersten Tag ein gastronomischer Traum. Ihre Freude an der Zuckerartistik ist beispielhaft für das was geht - wenn man will. Nicht nur an diesem Samstag sind bereits um elf Uhr vormittags alle Tische besetzt.

Hinter Finowfurt wird die Landschaft noch einsamer und beschaulicher. Es geht durch ausgedehnte Wälder etwas abseits des Kanals, bis nach knapp zehn Kilometern das nächste Dorf auftaucht. Rund um die Kirche in Marienwerder ist kurz nach Mittag noch alles ganz still und in zartes Weiß gehüllt. Der Weihnachtsbaum steht schon geschmückt an einem der schönsten Dorfanger Brandenburgs. Die Weihnachtsbuden werden noch eingeräumt. Auch der Weihnachtsmann wollte hier zu einem ersten Auftritt erscheinen - doch ohne Publikum blieben der rote Mantel und der weiße Bart noch in der Fahrradtasche.

Am Werbellinsee ist Hann-Dieter Hartwig der erste Mensch seit vielen Kilometern auf der Straße - bei der Gartenarbeit. Die Straße heißt hier eigentlich Radweg Berlin-Usedom und das von Hartwig seit fünf Jahren betriebene Kleinod Café Kunst & Rad Wildau. Aus seinem Anwesen weht sanft Klaviermusik hinüber - doch diesmal ist beim Mitbewerber für uns reserviert.

Gleich gegenüber ist im Café Wildau bereits der Kamin für uns angeheizt. Wir sind die einzigen Gäste und es ist eigentlich ein Traum in der Veranda am See - nur der Funke von Whitney Houstons R&B vom CD-Player will an diesem Nachtmittag nicht so recht überspringen.

Und so geht es nach der Schokolade und dem Kürbissüppchen noch einmal hinüber in die Galerie von Hann-Dieter Hartwig. Insgesamt vier Mal führte hier die legendäre Ostseefahrt mit hunderten Fahrradtouristen vorbei. Und so gehören wir auch heute praktisch zur Familie - selbstgebackenen Bienenstich und Kirschkuchen zum Mitnehmen inklusive.

Von Eichhorst führt der Schlussspurt durch die Wälder der Schorfheide nach Groß Schönebeck. Einen Radweg gibt es hier nicht mehr. Doch nun soll am Ziel endlich die Kutsche des Weihnachtsmannes warten und der Herr mit dem weißen Bart zur Höchstform auflaufen.

Die abgespeckten Rentiere in Form der Stuten Mandy und Cindy sehen prächtig aus. Nun fehlen nur noch die leuchtenden Kinderaugen. Und tatsächlich wagt sich eine Familie der 1.800 Einwohner zählenden Gemeinde auf die Straße. Später kommen ein Dutzend kleiner und großer Kinder hinzu - doch so werden die mehr als 100 extra im Weihnachtsmann-Großhandel zuvor erworbenen Schokoladen-Weihnachtsmänner diesmal wohl nicht alle.

Stattdessen strahlen ein indisches Ehepaar, ein paar Senioren und zum Schluss tatsächlich noch die Gäste eines kleinen Kindergeburtstages mit dem Weihnachtsmann um die Wette. Beim nächsten Mal müssen wir wohl eine Woche vorher statt "Der Zirkus kommt", einfach mal "Der Weihnachtsmann kommt" plakatieren. Sonst wird das nichts mehr mit dem Weihnachtsspaß und dem Bad in der Menge in den leeren Weiten der Mark Brandenburg.

Und vielleicht fehlt Groß Schönebeck auch eine Idee davon, wie Tourismus wirklich und vor allem ganzjährig funktionieren kann. Der aufwändig sanierte alte Bahnhof Groß Schönebeck wurde erst im Mai 2012 mit einer Ausstellung eröffnet, die nun am Wochenende - wenn die Touristen kommen - bereits schon wieder geschlossen hat. Direkt am idyllischen Jagdschloss Groß Schönebeck parken völlig unhistorisch ein paar Autos - das Ambiente wirkt weniger nach "Jagd und Macht", sondern irgendwie planlos und ohne Stil. Die wuchtige Feldsteinkirche in der Ortsmitte steht auch am ersten Adventswochenende dunkel und mit verschlossenen Türen vor sich hin.

Auch ein paar Meter weiter im Weißen Hirsch sind wir die ersten Gäste. Der Gasthof ist eine wilde Mischung aus Jagdtrophäen und allem, was sonst so in den 1990er Jahren und davor mal irgendwie angesagt war. Ex-DDR-Staatschef Erich Honecker soll hier nach der Jagd gerne Schwein statt Hirsch gegessen haben. Der Küchenchef ist dagegen neu. Die Teller sind vorgewärmt, das Ungarische Gulasch ist auf Wunsch wirklich scharf - und lecker. Auch der Fasan überzeugt - im Geschmack mehr Wild als Geflügel. Wenn jetzt noch ein offener Kamin hinzukommt, wäre dies auch im Winterhalbjahr ein schöner Grund, öfter durch die Schorfheide zu radeln.

 

Hintergrund