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Wasserschloss
Fürstlich Drehna:
Strahlend schön, aber
umgeben von
todgeweihten Bahnhöfen
- realistische
Tourismuskonzepte fehlen

Spur der todgeweihten Bahnhöfe: Walddrehna-Luckaitztal

Berlin, 31. Juli 2013 [zuletzt geändert 2.08.13, 15:43 Uhr]

Jeder konnte es seit Ende 2012 im Landesnahverkehrsplan lesen: 60 Brandenburger Bahnhöfe sind bedroht, zwölf von ihnen stehen unmittelbar vor der Schließung. Doch wer liest schon Verwaltungspapiere? Und ist es wirklich so wie es scheint: Warum werden diese Bahnhöfe kaum genutzt? Benno Koch hat sich die todgeweihten Bahnhöfe angesehen und verrät am Samstag, 3. August 2013 die unglaublichsten Abenteuer auf einer Sommerradtour.

Fast 30 Kilometer wird künftig die Lücke zwischen den Bahnhöfen Luckau-Uckro und Doberlug-Kirchhain betragen. Nach den Bahnhöfen Gehren und Brenitz-Sonnenwalde Anfang der 1990er Jahre soll nun auch der Bahnhof Walddrehna geschlossen werden. Der Bahnhof liegt 85 Kilometer südlich von Berlin an der heutigen Regionalexpresslinie RE3. Und theoretisch ist er der kürzeste und schönste Einstieg zum Fürst-Pückler-Radweg und zu Brandenburgs schönstem Wasserschloss Fürstlich Drehna. Das Hotel in jenem Schloss mit Ursprüngen im 14. Jahrhundert musste Mitte Juni übrigens bereits zum zweiten Mal nach der aufwändigen Sanierung in die Insolvenz. Zumindest der Pächter. Jetzt sind erst einmal die Lichter aus. Ein Tourismuskonzept ohne ernsthafte Einbindung der Bahnhöfe wird es künftig nicht leichter machen.

Pünktlich um 9:03 Uhr erreicht unser Zug aus Berlin den Bahnhof Walddrehna. Niemand außer uns steigt hier aus oder ein. Die Bahnhofsruine ist verwaist, die Fensterscheiben längst eingeworfen. Ebenfalls pünktlich erreicht der Bus aus Luckau um 9:16 Uhr den Bahnhofsvorplatz. Niemand sitzt im Bus. Die Fahrradmitnahme ist trotzdem offiziell verboten. Auf Nachfrage bestätigt der Busfahrer, das hier praktisch nie jemand aussteigt. Warum auch? Die beiden Regionalzüge sind seit wenigen Minuten weg, die nächsten kommen erst in knapp zwei Stunden.

Es ist offenbar das kollektive Versagen fast aller Beteiligten: Anstatt die Busse im Taktverkehr mit Anschluss an die Züge verkehren zu lassen, wurden in der Vergangenheit von den Landkreisen nicht selten Parallelverkehre bestellt, die Bahn mit der man selbst nicht fuhr ignoriert und der überdimensionierte Busbahnhof selbstverständlich weit ab vom nächsten Bahnhof gebaut. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), der eigentlich Bus, Bahn und Fahrrad zusammenführen soll, kann sich auch mehr als zehn Jahre nach seiner Gründung offenbar nicht gegen diese Kleinstaaterei durchsetzen. Vor allem warum die Fahrradmitnahme in den meist leer verkehrenden Bussen noch immer flächendeckend verboten ist, bleibt ein Rätsel.

Diese rund 50 Kilometer kurze Radtour für Genießer soll zeigen wie es gehen kann, startet am Bahnhof Walddrehna und führt zum ebenso todgeweihten Bahnhof Luckaitztal. Zwei von zwölf Bahnhöfen die akut von der Schließung bedroht sind. Einen Fahrradwegweiser am Bahnhof Walddrehna suchen wir vergeblich. Es gibt keinen. Genaugenommen geht der offzielle Fürst-Pückler-Radweg erst zwei Dörfer weiter in Bornsdorf los.

Walddrehna ist ruhig, schön und von viel Wald umgeben. Zusammen mit allen Dörfern der Gemeinde Heideblick wohnen hier immerhin noch 3.747 Menschen. Ein Bäcker unweit des Bahnhofs hat geöffnet und verweist neben den aufgetauten Donuts aus der Tiefkühltruhe auf die selbstgebackenen Apfeltaschen. Auch die Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert ist beeindruckend: Die hohen Arkaden mit einer Vorhalle unterhalb des Turms sollen ein Zeichen einer seltenen früheren Pilgerkirche sein.

Die anschließende Waldstraße nach Weißack ist eine Landesstraße, bestens ausgebaut - und vollkommen überdimensioniert. Niemand begegnet uns hier, während wir schattig und entspannt 50 Meter bergab ins Tal rollen. In Weißack ist es eben so still wie zuvor in Walddrehna. Einige Backsteinpfeiler lassen hier die Dimensionen der einstigen Gutsanlage erahnen. Die alte Gutskirche wurde 1980 abgerissen, das Gutshaus ist heute ein Kinderheim.

Nun wird es immer ländlicher. Eine prächtige Kastanienallee führt nach Bornsdorf, wo ein mittelalterlicher Burgturm mit den Resten eines Schlossparks überrascht. Noch bis 1967 stand hier ein dreiflügeliges Barockschloss, das teilweise einstürzte und schließlich abgerissen wurde. Nach der Wende wurden die Reste freigelegt und der alte Schlossturm 1999 als Aussichtsturm wieder zugänglich gemacht. Von hier oben ist die riesige Cargolifterhalle mit dem Südseestrand der Tropical Islands gut am Horizont erkennbar - immerhin 40 Kilometer Luftlinie entfernt.

Fahrradtouristen kommen hier fast nie durch, sagt die Wirtin des nahen Dorfgasthofes. Es gebe ja keine richtigen Radwege. Ob sie denn wisse, dass der nächste Bahnhof geschlossen werden solle? Irgendwie schon. Aber sie traue sich "wegen der vielen Autos" nicht mehr mit dem Rad die Straße zum Bahnhof zu fahren. Und die anderen Wege seien zu sandig.

Jetzt wird es immer ruhiger. Die normalen Dorfverbindungsstraßen sind jetzt einspurig - und offiziell Abschnitte des Fürst-Pückler-Radweges. Nach einigen Kilometern ist die Töpferstadt Crinitz erreicht. Auf dem dortigen Töpfermarkt sollen noch immer bis zu 70 Töpfereien ihre Produkte anbieten - allerdings nur einmal im Jahr. In diesem Jahr lag Anfang April zum wichtigsten Termin des Jahres noch Schnee. Ein halbes Dutzend Töpfereien gibt es heute noch im Ort. Der riesige Bahnhof Crinitz ist dagegen bereits seit 1968 geschlossen. So wie die dazugehörige Bahnlinie Finsterwalde-Luckau.

Eine echte Perle und eine Reise in die Vergangenheit ist das Waldbad Crinitz. Ein Verein hatte das Bad 2002 vor der durch die Gemeinde geplanten Schließung gerettet und betreibt es noch heute. Das 1936 aus dem Röhrteich entstandene Waldbad sieht noch immer so aus als sei die Zeit stehengeblieben - mit glasklarem Wasser und Liegewiesen wunderschön unter alten Bäumen.

An diesem Vormittag wird es voll. Vielleicht 40 Kinder sind extra mit dem Bus aus Calau gekommen - und stehen nun sehr geduldig in der Schlange am Imbiss. Natürlich wollen alle Pommes. Die Pommes seien fast alle, heißt es bei schönsten Badewetter in den Sommerferien von der Verkaufsfachkraft. Sie sei ja auch irgendwie nur zufällig hier und hätte nur eine einfache Haushaltsfriteuse. Wenn alle Pommes wollten, müsste ja ihr Mann noch mal extra losfahren und Nachschub kaufen. Die Pommes dauern dann schließlich zehn Minuten pro Portion und kosten 2,50 Euro. Bei Profis kosten sie die Hälfte und gehen in weniger als einer Minute über den Tresen.

Zurück im Zentrum von Crinitz fallen vor allem die Ruinen von Hotels, Restaurants und eben dem Bahnhof auf. Doch ein kleiner Laden ist geöffnet und verkauft an diesem Tag Getränke. Natürlich ungekühlt. Was denn mit dem Tourismus in Crinitz so los sei, wollen wir auch hier wissen? Die Leute hätten alle kein Geld und daher lohne es nicht, sagt die Verkäuferin. Wir erzählen ihr von den 40 Kindern im Waldbad, die alle fünf Euro Taschengeld in Pommes und Eis umsetzen wollten - und am fehlenden Angebot gescheitert sind. Hatten wir damals als Zehnjährige wirklich schon so viel Taschengeld, um uns im Freibad am Imbiss schadlos halten zu können?

Wunderbar kühl geht es nun durch den Wald zum Schloss und Park Fürstlich Drehna. Noch immer strahlt das Anwesen schneeweiß in einer menschenleeren Traumlandschaft. Das aufwändig sanierte Wasserschloss wurde 2007 erstmals als Luxushotel eröffnet und scheiterte mit allerhand Gästebelehrungen großartig und mit Ansage. Nur mal gucken sei nicht erlaubt, die Leute wollten ja ohnehin nur die Toilette benutzen, hieß es damals auf Nachfrage. Auch der zweite Pächter hatte ab 2010 nun doch nicht so die richtigen Ideen, welche Zielgruppe er denn nun wie hierher locken könne. Vor sechs Wochen war dann auch damit Schluss. Nach der Insolvenz soll es 2014 mit einem dritten Versuch weitergehen. Wie wäre es denn mal mit professionell Fahrradtourismus?

Letzteres hat der historische Gasthof Zum Hirsch bestens verstanden. Er liegt ein paar Meter weiter in der Dorfmitte. Mittags gibt es hier ein attraktives, leichtes Radlermenü. Im schönen Garten sitzen nur Fahrradtouristen. Natürlich ist der Hirsch kaum weniger stilvoll saniert. Aber die Wirtin ist freundlich und überaus engagiert. Das Essen wird frisch selbst gekocht, das Brot selbstgebacken, das Eis selbstgemacht und nach dem leckeren Kaffee aus einer professionellen Maschine wird den Gästen auch noch der Radweg ins nächste Dorf persönlich erklärt. Das erzählt man doch gerne weiter.

Genau jenen Radweg zu nutzen, wird hier in der Niederlausitz immer schwieriger. Zwar sind für viele Millionen Euro viele 100 Kilometer feinster Asphaltstreifen neu gebaut worden. Rund um die Restlöcher der früheren Braunkohlegruben in der jetzt neu entstehenden größten künstlichen Seenplatte Europas.

Doch seit einem Erdrutsch im sachsen-anhaltinischen Nachterstedt 2009 am dort aus einer Kohlegrube entstandenen Concordiasee, wurden in der Niederlausitz vor allem Radwege gesperrt. Gab es eigentlich irgendwo in Deutschland schon einmal einen tödlichen Fahrradunfall durch einen plötzlich wegrutschenden Radweg? Man kann ja nicht alles wissen. Dagegen gab es im Jahre 2012 genau 3.606 Getötete auf deutschen Straßen. Müssten da nicht alle Sicherheitsfachleute längst wenigstens Tempo 30 in Städten und Tempo 80 auf Landstraßen durchgesetzt haben? Wäre nicht eine Totalsperrung für den privaten Autoverkehr noch sicherer?

Die Landschaft ist immer noch wunderschön. Vorbei an neu entstehenden Seen, durch schattige Wälder und manchmal durch kleine Dörfer geht es in die Calauer Schweiz, die ihrem Namen alle Ehre macht. Gut 100 Meter führt der Weg bergauf - es darf geschoben werden - und natürlich wieder 100 Meter bergab. Und fast so idyllisch wie auf der Alm in den Alpen gibt es hier sogar ein Gasthaus In den Bergen. Und so lange die Regionalzüge zurück nach Berlin im nahen Bahnhof Luckaitztal noch halten, hat die Region das Zeug zur Traumlandschaft.

Natürlich wartet unterwegs wie immer ein gutes Café und am Ende ein schönes Restaurant - auf einer entspannten Radtour für Genießer.

 

Einfach anmelden -  die Spur der todgeweihten Bahnhöfe erleben!

  • Sonnenuntergangstour: geführte Radtour mit Benno Koch am Samstag, 3. August 2013

  • Strecke: Die rund 50 Kilometer kurze Tour auf dem Fürst-Pückler-Radweg ist kein Radrennen, sondern ein Angebot für Rad fahrende Genießer.

  • Treffpunkt: 9:15 Uhr, Berlin Hauptbahnhof

  • Ende: gegen 22:30 Uhr in Berlin-Mitte

  • Teilnahmegebühr für die Radtour: 12 Euro ermäßigt 8 Euro pro Person

  • externe Kosten: die Bahnfahrt (5,80 Euro bei einer durch fünf teilbaren Teilnehmerzahl plus 5,00 Euro fürs Fahrrad), der Eintritt ins Waldbad Crinitz (2,00 Euro) sowie der Café- und Restaurantbesuch kommen hinzu

  • Anmeldung: schickt mir bitte einfach eine SMS an Mobil 0157/73746049 oder eine E-Mail an kontakt@benno-koch.de

  • Anmeldestand (2. August 2013, 15:43 Uhr): noch 13 von 20 Plätzen frei

  • Badepausen: im Waldbad entlang der Radtour möglich, Badesachen bitte nicht vergessen!

  • Teilnahmebedingungen: es gelten die Regeln der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO), die Teilnehmer tragen selbst das allgemeine Risiko, das die Teilnahme am Straßenverkehr mit sich bringt und sind für die Sicherheit ihres Fahrrades selbst verantwortlich, die Rückfahrt erfolgt in der Dunkelheit (Licht)

  • Fahrrad und Bahn: damit auch die Fahrt mit der Bahn entspannt wird, bitte im RegionalExpress immer sämtliche Packtaschen und Körbe (auf die eigentlich generell verzichtet sollte) vom Fahrrad nehmen und die Räder mit den Lenkern entgegengesetzt an die Klappsitze lehnen, Fahrgäste auf den Klappsitzen ohne Fahrräder freundlich bitten aufzustehen – und natürlich Rücksicht nehmen!

 

Hintergrund

  • Fotos der Radtour von Walddrehna ins Luckaitztal in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

  • gpx/gps-Track der Radtour Walddrehna-Luckaitztal als zip-Datei (14 kb) herunterladen