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Schreiadler-Radweg:
Die Provinzposse zwischen
Steinhöfel und Stegelitz
geht in die Verlängerung:
Auf der Westseite der A11
bestens asphaltiert,
sollen auf der Ostseite
kleine gegen große
Feldsteine wieder
ausgetauscht werden

Uckermark: Bahndamm, Picknickkorb und Schreiadler

Berlin, 10. April 2014

Gleich drei Neuigkeiten warten in diesen Tagen in der Uckermark auf Entdecker: Der alte Bahndamm Templin-Fürstenwerder ist nun fast durchgängig als Radweg asphaltiert. In Groß Fredenwalde will eine Gräfin Picknickkörbe im Stil von Monet unters Volk bringen. Und Deutschlands bekanntester Schreiadler wird am Radweg Berlin-Usedom zurück erwartet. Am Samstag, 12. April 2014 verrät Benno Koch die schönsten Abenteuer im Fahrradfrühling.

Die 37 Kilometer lange einstige Staatsbahnlinie von Templin nach Fürstenwerder hat ihre Verwandlung fast abgeschlossen. Bereits im Juni 1945 wurden hier die Gleise als Reparationsleistung demontiert. Im Frühjahr 2014 ist auch der südliche Abschnitt im Bereich des einstigen Bahnhofes Metzelthin nun fast durchgängig als Radweg asphaltiert.

Es ist fast wie im Märchen. Und tatsächlich: Direkt am alten Bahndamm kann auch Frau Holle das Wunder des neuen Radweges kaum glauben - die alte ABM-Piste war eben nur am grünen Schreibtisch zum Rad fahren schön.

Frau Holle, oder ganz bürgerlich Sigrid Hollendorf, zog vor 20 Jahren ans Ende der Welt. Nach Metzelthin. Und was lag in dieser Abgeschiedenheit näher als hier unsere Kinderträume wahr werden zu lassen? Das Märchenland ist heute eine liebevolle Ansammlung eines Hexenhauses (der Käfig für Hänsel und Gretel wurde nicht vergessen), eines Feldsteinbackofens, natürlich dem Märchenbrunnen mit dem Froschkönig, auch der Hexenkräutergarten darf nicht fehlen - und jeder Menge Platz. Und nun sogar mit einem märchenhaften Radweg vor dem Tor.

Das unzweifelbar märchenhafteste Schloss Brandenburgs steht noch immer in Boitzenburg. Ein paar Kilometer nördlich von Metzelthin direkt am Radweg. Schloss Boitzenburg wurde nach 1427 Stammsitz derer von Arnim und später zu einer Art Neuschwanstein des Ostens. Das Anwesen in der Uckermark ist historisch natürlich ein paar hundert Jahre älter als das viel berühmtere Märchenschloss in Bayern.

Doch an diesem Wochenende kommt sogar etwas Leben in die uckermärkischen Traumlandschaften der Arnims zurück. Dann wird gleich nebenan rund um den Gräflichen Marstall der Ostermarkt gefeiert. Natürlich ist die Schokoladenmanufaktur hier schon lange kein Geheimtipp mehr. Und trotzdem schön.

Nun geht es über meist ruhige Landstraßen der Uckermark zu Donata Gräfin Fugger nach Groß Fredenwalde. Mit ihrem Uckermärker Picknickkorb hat die geborene von Arnim vor einem Jahr den Brandenburger Tourismuspreis gewonnen. Mit regionalen Produkten und viel Landschaft will sie die Szenerie wie auf einem Gemälde von Monet verzaubern. Die Idee entstand, weil es hier sonst nichts zu essen gibt. Also fast nichts. Die alten Gasthöfe in den Dörfern sind bis auf wenige Ausnahmen längst geschlossen. Doch ist die Geschäftsidee der Gräfin wirklich ausgereift, wenn man den Picknickkorb zwei Werktage zuvor telefonisch bestellen muss?

Das Finale dieser Radtour wird dann zum Politikum: Der Abschnitt Stegelitz-Steinhöfel war jahrelang der schlechteste Abschnitt des Radweges Berlin-Usedom. Die Geschichte ist schnell erzählt: In den 1950er Jahren entschied sich eine Schreiadler-Familie hier an einer in Betrieb befindlichen Kiesgrube ihre bescheidene Behausung zu errichten. Diese soll heute aus vier Horsten bestehen, die als Haupt- oder Nebenwohnsitz genutzt werden. Die unmittelbare Nähe zur Autobahn A11 garantierte zudem einen reich gedeckten Tisch - allein zehn Millionen Vögel sollen jährlich auf deutschen Straßen getötet werden. Für Aasfresser wie den Schreiadler ideal.

Als 1998 die Idee für den Radweg Berlin-Usedom entstand, war die Welt noch in Ordnung. Die Fahrradbrücke über die A11 war lange fertig als Ende 2007 endlich auch der gut drei Kilometer lange Radweg zwischen Steinhöfel und Stegelitz ausgebaut werden sollte. Das Bauschild stand, die Finanzierung und die Bauarbeiter auch.

Doch ein paar hundert Meter neben dem Schreiadler hatte sich kurz zuvor ein weiteres Pärchen im Außenbereich angesiedelt. Ein Beamter im Ruhestand mit seiner Frau. Natürlich ist ein Neubau im Außenbereich eines Dorfes gar nicht erlaubt. Aber in diesem Fall handelte es ich um eine alte Ziegelei. Und plötzlich verschoben sich den Grenzen des Nahrungshabitats gewaltig: Fahrradtouristen vor dem eigenen Gartenzaun? Das ging irgendwie gar nicht.

Während die Autobahn A11 neben dem Schreiadlerhorst selbst in der Brutzeit weiter planmäßig ausgebaut und verbreitert wurde, folgten Klagen vom Naturschutzbund NABU und ein Baustopp gegen den Radweg. Wie immer in diesen Fällen wurden Fahrradexperten auch in diesem Fall nicht gehört. War Rad fahren nicht sogar der beste Umweltschutz?

Schließlich sollte von Mitte Oktober bis Dezember 2013 das Ärgernis endlich aus der Welt geschafft werden: Auf 3,4 Kilometern sollten 510.000 Euro in den Neubau des Schreiadler-Radweges investiert werden. Mit fünf verschiedenen Belägen. Wirklich fünf? Als "Kompromiss" sollte es erst auf Betonsteinspuren, dann auf "wassergebundener" Oberfläche, später auf Betonsteinspuren "mit Natursteinpflaster" in der Mitte, schließlich über die unsanierten Feldsteinpflaster-Auffahrten über die Autobahnbrücke - und zum Erholen schließlich auf feinstem Asphalt hinab nach Stegelitz gehen.

Teurer geht's vermutlich nimmer. Und übertönt das Klappern von Rad und Fahrer auf Kopfsteinpflaster nicht jedes "tjück", "jüb" und "wiiik" der Schreiadler-Balz? Aber es sollte schlimmer kommen: Die verbauten Feldsteine und die eigentlich vorgesehenen Kopfsteine unterscheiden sich leicht im Holperfaktor - jetzt muss alles noch mal raus. Und so bleibt die Baustelle bis zum Ende der Brutzeit im August 2014 verwaist, erst dann darf weitergebaut werden.

Natürlich richtet sich auch dieses Abenteuer nur an Rad fahrende Genießer. Und falls es mit dem Picknick in den Farben von Monet nicht klappt, wartet am Ende diesmal ein einzigartiger Dorfgasthof mit den neuesten Geschichten vom Ende der Welt.

Einfach anmelden -  Uckermark erleben!

  • Sonnenuntergangstour: geführte Radtour mit Benno Koch am Samstag, 12. April 2014

  • Strecke: Die rund 60 Kilometer kurze Tour von Templin durch die Uckermark nach Wilmersdorf ist kein Radrennen, sondern ein Angebot für Rad fahrende Genießer.

  • Treffpunkt: 9:15 Uhr, Bhf. Berlin-Lichtenberg

  • Ende: gegen 21:30 Uhr in Berlin-Mitte

  • Teilnahmegebühr für die Radtour: 12 Euro ermäßigt 8 Euro pro Person

  • externe Kosten: die Bahnfahrt (5,80 Euro bei einer durch fünf teilbaren Teilnehmerzahl plus 5,00 Euro fürs Fahrrad) sowie der Café- und Restaurantbesuch kommen hinzu

  • Anmeldung: schickt mir bitte einfach eine SMS an Mobil 0157/73746049 oder eine E-Mail an kontakt@benno-koch.de

  • Anmeldestand (10. April 2014, 19:50 Uhr): noch 18 von 20 Plätzen frei

  • Teilnahmebedingungen: es gelten die Regeln der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO), die Teilnehmer tragen selbst das allgemeine Risiko, das die Teilnahme am Straßenverkehr mit sich bringt und sind für die Sicherheit ihres Fahrrades selbst verantwortlich, die Rückfahrt erfolgt in der Dunkelheit (Licht)

  • Fahrrad und Bahn: damit auch die Fahrt mit der Bahn entspannt wird, bitte im RegionalExpress immer sämtliche Packtaschen und Körbe (auf die eigentlich generell verzichtet sollte) vom Fahrrad nehmen und die Räder mit den Lenkern entgegengesetzt an die Klappsitze lehnen, Fahrgäste auf den Klappsitzen ohne Fahrräder freundlich bitten aufzustehen – und natürlich Rücksicht nehmen!

 

Hintergrund

  • Fotos vom Radweg Berlin-Usedom in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

  • gpx/gps-Track der Radtour Templin-Wilmersdorf als zip-Datei (34 kb) herunterladen