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Jagdschloss
Königs Wusterhausen:
Heute brechen von hier
Fahrradtouristen auf dem
neuen Hofjagdweg
in den Spreewald auf

Tour-Tagebuch Hofjagdweg: Ex und Hop war gestern

Berlin, 20. Juli 2014

Es ist der Aufsteiger des Jahres 2014: Der neue Hofjagdweg. Erstmals gibt es im Südosten Berlins kurz hinter der Stadtgrenze so etwas wie einen Wohlfühl-Radweg. Doch der jetzt asphaltierte Abschnitt bis Groß Köris kann nur der Anfang sein. Falls es ernst werden soll mit dem Fahrradtourismus in der Region. Dass die Zeiten von Ex und Hop vorbei sind, beschreibt eine neue Seite im Tour-Tagebuch von Benno Koch.

Nach dem Radweg des Jahres auf der Spur der Steine durch die Uckermark gibt es nun auch einen Aufsteiger des Jahres. Ganz inoffiziell natürlich. Fahrradexperte Benno Koch hat diesmal den Hofjagdweg im Radio Eins Radtourentipp ausgezeichnet. Doch während der Abschnitt von Königs Wusterhausen bis Groß Köris in diesem Jahr erstmals (fast) vollständig asphaltiert nutzbar ist, ist weiter südlich am Fuße des Wehlaberges und im Bereich der Lübbener Teiche kein Radfernweg erkennbar.

Wunderbar schattig startete diese Radtour in Richtung Spreewald. Der Große Roßkardtsee wurde mit glasklarem Wasser zur ersten erfrischenden Überraschung mitten im Wald. Es ist ein strahlend sonniger Samstag Mitte Juli. Mehr als 20 Radio Eins Hörerinnen und Hörer wollten den 65 Kilometer langen neuen Hofjagdweg zwischen Königs Wusterhausen und Lübben testen - doch der Hochsommer bediente das eine oder andere Vorurteil und ebensolche Absagen. Wann kommt endlich das Fahrradwetter in unsere Medien?

Bei 30 Grad ging es dann in Halbe auch mehrheitlich in den örtlichen Supermarkt zum Wasser tanken als zum historischen Kaiserbahnhof. Letzterer wird gerade von einem Neuseeländer nach und nach zu neuem Leben erweckt. Wo früher Könige und Kaiser zum Jagen in die dichten Wälder aufbrachen, soll künftig ein Café Fahrradtouristen anlocken. So wie vor ein paar Jahren den heutigen Besitzer Peter Macky selbst, der auf einer Radtour das halb verfallene Anwesen entdeckte.

In Köthen wartete die nächste wunderbar schattige Badestelle. Und wider Erwarten entschieden sich gleich 11 der 18 Teilnehmer für den 100 Höhenmeter schweren Aufstieg zum Wehlaberg und anschließend noch einmal 28 Meter hoch auf den hölzernen Aussichtsturm. Auch bei inzwischen 33 Grad Grad im Schatten ein traumhaftes Erlebnis hoch über den endlosen Wäldern mit den Tropical Islands in der riesigen Cargolifterhalle unten im Tal.

Nun wurde der offizielle Hofjagdweg bzw. Gurken-Radweg zur sandigen Angelegenheit. Hier zwischen Köthen und Krausnick ist das Schottersandgemisch auch noch über kräftezehrende Hügel kein ausreichendes Angebot für einen Radfernweg.

Dann ist der Unterspreewald wirklich erreicht. Schlepzig beeindruckt immer wieder mit dem Engagement seiner Unternehmer: Das Spreewaldini mit selbstgemachtem Eis, der Whiskey-Distillery und vielen wohlausgesuchten Spreewald-Spezialitäten ist eine Oase der Gastfreundschaft. Thomas Römer ist seit 20 Jahren einer der Macher und genau hier Gastgeber. Erst in der alten Spreewald-Brauerei, die er vor zwei Jahren verkaufte. Ein paar Häuser weiter ist mit dem Spreewaldini jetzt sein neuer Hof entstanden. Und in jedem der anderen Höfe scheint es eine professionelle, liebevolle und beschauliche Selbständigkeit zu geben, wie sie für das Brandenburg der abgewickelten DDR auch heute noch eher untypisch ist.

Bis Lübben folgen nun Dutzende kleine und große Teiche entlang der Spree auf 15 Kilometern. Landschaftlich schön wird hier großflächig industriell Fischzucht betrieben. Wenn jetzt noch der mit dem Hofjagdweg hier deckungsgleiche Spree-Radweg durchgängig ausgebaut und asphaltiert werden würden, wäre das Finale nach 65 Kilometer weniger anstrengend und angemessen für einen funktionierenden Radfernweg im Landkreis Dahme-Spreewald.

Endlich ist die heutige Kreisstadt Lübben erreicht. Bis 1815 war die brandenburgische Stadt an der Spree sächsisch und Hauptstadt der Niederlausitz. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Lübben zu 85 Prozent zerstört. Doch auch einige alte Bauwerke erstrahlen heute in neuem Glanz.

So hat das Renaissanceschloss Lübben mit seinem Restaurant in der ersten Etage seit Mitte Mai 2014 einen neuen Betreiber. Thomas Michel stammt aus Hessen und ist eigentlich Chocolatier aus Zöllmersdorf. Letzteres liegt in der Nähe von Luckau und hat mit der Edelmond Schokoladenmanufaktur bereits seit zwei Jahren ein neues Highlight. Ganz versteckt im Dorf auf einem einst ruinösen Vierseithof in der dritte Reihe.

Heute läuft das Schloss Lübben zu neuer Form auf. Also zumindest in der Restaurantetage und im Schlossgarten. In den oberen Etagen befindet sich nicht etwa passend ein Hotel, sondern ein Förderbetrieb samt Museum mit etlichen Mitarbeitern. Massen von Touristen ziehen hier selten durch die Gänge.

Das Restaurant im Schloss wurde im Jahr 2000 irgendwie im 90er Jahre Schick saniert. An ein Schloss erinnerte dabei wenig. Eher an ein Tankstellenbistro mit U-Bahnbeleuchtung, vielen Pressspan-Schließfächern und -Garderoben sowie einer ebenso merkwürdigen Lösung für die Belüftung.

Thomas Michel hat bereits einen größeren Teil der sündhaft teuren Geschmacksverirrungen ausgelagert, Türen wieder geöffnet und einige passendere Bilder aufgehangen. Wirklich passende Bilder stehen im Archiv des Museums. Rausrücken will man die nicht. Warum auch? Die Devise: Lieber mit Fördergeldern alles verstecken als das sich Menschen am Fundus erfreuen könnten.

Die Gerichte der neuen Schlossküche sind heute frisch und kommen bei den Teilnehmern sehr gut an. Michel will sich abheben vom Ex & Hop touristischer Gastronomie mit Busladungen nach dem Prinzip: Die kommen eh nicht wieder. Wir werden wiederkommen. Michel und sein Team machen Lust aufs Wiederkommen.

Doch vor allem die Macher des Hofjagdweges müssen sich anstrengen. Sand- und Schotterpisten sind keine Radfernwege. Auch wenn sie angeblich noch so toll aussehen. Asphalt in Straßenqualität bedeute eine Halbierung der nötigen Kraft zum Rad fahren. So wie es für Straßen zum Auto fahren normal ist. Im Fall des Hofjagdweges natürlich noch mit Ergänzung der fehlenden Fahrradstraßenschilder zwischen Krummensee und Groß Köris. Dann erwacht auch der Blick für die Schönheiten der Umgebung und das Rad fahren wird wirklich zum Genuss. Und vielleicht wird so aus dem Aufsteiger des Jahres 2014 irgendwann auch mal der Radweg des Jahres in Brandenburg.

 

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