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Westpolen zwischen
Brody und Wielotow:
Es gibt noch Traumstraßen
für Fahrradtouristen -
genau hier,
wo ein 140 Meter tiefes
Braunkohleloch jedes
Leben auslöschen soll

Tour-Tagebuch Westpolen: Im Vorgarten zum Paradies

Berlin, 4. August 2014

Die Neugierde ist grenzenlos. Fast 40 Radio-Eins-Hörerinnen und Tagesspiegel-Leser machten zwei Tagesausflüge östlich der Neiße am vergangenen Samstag und Sonntag zur spannenden Entdeckungsreise. Doppelt so viele wie geplant. Dass Westpolen ganz oben auf der Liste Rad fahrender Genießer steht, beschreibt eine neue Seite im Tour-Tagebuch von Benno Koch.

Eine rotbraune Giftbrühe durchfließt in diesen Tagen den Spreewald. Ein Ort an dem man nicht mehr baden kann. Und genaugenommen nicht mehr hinfahren will. Das Märchen billiger Energie aus der Braunkohleförderung ist grandios gescheitert. Gewinne aus der Braunkohle wurden privatisiert. Die Altlasten der ausgekohlten Restlöcher stattdessen verstaatlicht und die Kosten gut versteckt der Allgemeinheit überlassen. Dieses Schicksal soll nun auch Westpolen erleiden. Östlich der Neiße ist ein 140 Meter tiefer Braunkohletagebau geplant, der mehr als doppelt so groß wie der bei Jänschwalde auf der deutschen Neißeseite werden soll. Zwei Drittel der betroffenen Bewohner in Polen zwischen Gubin und Brody wollen sich wehren. Auch mit einer internationalen Menschenkette am Samstag, 23. August 2014.

Der Glanz des einstigen Manchester des Ostens ist längst verblasst. Die Ruinen der früheren Tuchfabriken und der prachtvollen Fabriantenvillen prägen heute das Stadtzentrum. Die Stadt Forst (Lausitz) hat seit dem Mauerfall fast die Hälfte seiner Einwohner verloren. Jetzt verlassen sogar die Alten die Region.

Auf einer Presseradtour Ende der 1990er Jahre hatte der damalige Landrat Dieter Friese versprochen, dass noch während seiner Amtszeit die erste der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Neißebrücken in der Stadt Forst wieder aufgebaut werden würde. Gelder der EU hätte es vermutlich im Überfluss gegeben. Bis heute ist nichts passiert. Zumindest im bebauten Stadtgebiet nicht. Die Stummel der Fußgängerbrücke an der Sorauer Straße und der der Langen Brücke hinüber nach Brody (Pförten) ragen wie Mahnmale ins Nichts. Wer die fehlenden 100 Meter Brücke zum anderen Ufer überwinden will, muss einen Umweg von sieben Kilometern in Kauf nehmen. Denn eine Brücke wurde tatsächlich gebaut. So weit außerhalb der Stadt wie es ging.

25 Jahre nach dem Mauerfall und zehn Jahre nach dem EU-Beitritt Polens sind die Brückenruinen vor allem ein Zeichen für die Angst der Forster vor sich selbst. Kaum eine andere Stadt wuchs einst so schnell und wurde so reich durch den Handel und den Zuzug von Fremden. Brücken gehörten immer dazu. Die eigene Geschichte ist längst vergessen.

Östlich der Neiße radeln wir durch dichte Wälder. Einige alte Kopfsteinpflasterzufahrten lassen erahnen, dass hier mal eine Stadt war. Die Gebäude wurden im Krieg zerstört oder später demontiert. Der Forster Stadtteil Berge heißt heute Zasieki und liegt in Westpolen. Hier soll vor allem die Deutsche Sprengstoffchemie GmbH und die Dynamit Aktien Gesellschaft ab 1938 mehr als 400 Gebäude, 80 Kilometer Straßen und 36 Kilometer Bahngleise gebaut haben. Zwangsarbeiter mussten Pulver und Sprengstoff für die Munitionsfabriken herstellen.

Die Wälder ziehen sich bis zum Schloss Pförten. Der zehn Jahre alte Radweg holpert nur manchmal, die Landstraße ist leer. Das heutige Brody erwacht gerade zu neuem Leben. Der Schlosspark ist schon wieder erkennbar, dass Schlossdach wieder dicht. Den schönsten Ausblick hat man vom 41 Meter hohen Aussichtsturm auf dem Berg in Jeziory Wysokie. Direkt auf das neu gedeckte leuchtend rote Schlossdach unten im Tal. Er ist Teil der Oberförsterei Lubsko und war der erste neu gebaute Brandschutz- und Aussichtsturm Polens.

Nun werden die Straßen noch stiller. Fast jeder der Fahrradtouristen glaubt sich in wunderbare unbeschwerte Kindheitstage auf dem Land zurückversetzt. Hier gibt es keine Leitplanken, die kleinen Dörfer sind noch unverändert und irgendwie lebendiger als ein paar Kilometer weiter in Brandenburg. Die abgeernteten Felder und ein paar Haufenwolken machen die Postkartenidylle perfekt.

In Wielotów ist der Hof von Dorota Schewior erreicht. Das Hoffest vom vergangenen Samstag soll das letzte gewesen sein. Öffentliche Unterstützung gab es keine. Seit acht Jahren privat organisiert, treffen sich hier Deutsche und Polen auf der großen Wiese mit dem kleinen Bauernhaus. Der deutsche Gesangsbeitrag ist zum Anfang ein wenig zu laut. Und auch die Töne stimmen irgendwie nicht ganz. Aber der gute Wille zählt. Und als später der polnische Nachwuchs sein Bestes gibt, springt der Funke auch bei denen über, die eigentlich die ländliche Ruhe bevorzugen.

Die Küche in Dorotas Gartencafé hat dagegen keine Anlaufschwierigkeiten. Die selbstgemachten Torten sind so leicht und frisch, dass zwei große Stücke nicht das Ende der Versuchung bleiben sollten. Die Eisbecher mit frischen Brombeeren und Himbeeren sind ein Traum. Und dass es jetzt noch knackige Erdbeeren wie im Frühjahr gibt, ist andernorts kaum vorstellbar.

Die Chefin Dorota ist mit ihrer Schwester immer dabei. Und beide sehen aus, als kämen sie gerade gut erholt aus dem Urlaub. Tatsächlich hat das Gartencafé jeden Tag von zehn bis achtzehn Uhr geöffnet. Das ganze Jahr lang. Und der Tag beginnt auch am Sonntag um halb Fünf auf dem Erdbeerfeld. Auch für die Chefin. Und auch am Tag nach dem Hoffest.

Bei soviel Begeisterung für den Traum vom Landleben im westpolnischen Nichts, können auch die ukrainischen Erntehelfer nicht länger warten. Mit Blumen und Geschenken bedanken sie sich auf der Bühne bei ihrer Arbeitgeberin. Während polnische Erntehelfer nach Deutschland und Europa ziehen, ist Westpolen für Ukrainer der Vorgarten zum Paradies.

Zwischen Wielotów und Gubin gibt es ruhige Alleen, dichte Wälder und kleine Felder. Der einzige Verkehr auf der Landstraße sind die Autos der Gartencafé-Gäste. Und hin und wieder ein Traktor.

Doch Schloss Liebesitz setzt noch einmal ein Achtungszeichen in die jahrhundertealte Kulturlandschaft. Heute heißt der Ort Luboszyce. Doch die Grundstrukturen des alten Gutes sind vollständig erhalten - und stehen leer. Das Herrenhaus erinnert zum Verwechseln an das sanierte Tudorschloss im brandenburgischen Reichenow. Liebesitz steht leer und soll der Polnischen Treuhand gehören. Keine Fensterscheibe ist kaputt. Selbst die alten Flaschen im Stall sind ganz. Auch die Brennerei und die Nebengebäude wehren sich tapfer gegen den Leerstand.

Am Sonntag wurde Liebesitz für diese Radtour mit seiner überdachten Terrasse zum mystischen Ort mitten im Auge des Orkans. Während an drei Seiten des Ortes die Blitze am Himmel züngelten und Regenmassen ein paar Kilometer weiter rund um Cottbus die Straßen überschwemmten, blieb hier alles ganz ruhig.

An der Neiße kommt schließlich ein Badespaß auf, der wohl auf kaum einer Spaßrutsche der Welt zu bekommen ist. Auch nicht von der in den nahen Tropical Islands. Hier in der Wildnis holt die Strömung zwischen den Sandbänken ordentlich Schwung. Ein angenehm kühles Vergnügen bei 30 Grad im Schatten, welches in der 100 Meter langen Rinne gleich mehrfach ausprobiert werden muss. Zumindest in der Samstagvariante dieser Radtour. Flussbäder in der Neiße direkt in den Altstädten von Forst und Guben zieren heute alte Ansichtskarten. Ist eigentlich jemand mal auf die Idee gekommen, die Tradition wieder aufleben zu lassen? Sagen wir mal nur, um ein paar zusätzliche Touristen anzulocken?

In Gubin ist die Ruine der Stadtkirche der Ort für Entdeckungen. Erstmals ist der 60 Meter hohe Turm wieder über eine Behelfstreppe zu erklimmen. Der Blick auf die riesigen Kirchensäulen und Mauern ohne Dach als auch auf die grünen Parks der Stadt, wo einst das dicht bebaute Zentrum Gubens stand, ist atemberaubend.

Nicht erst nach dem eiskalten Bier auf der Terrasse des alten Rathauses steht fest: Die Entdeckungen in Westpolen werden fortgesetzt. Schon am nächsten Sonntag zwischen Frankfurt (Oder) und Guben. Und auch für Dorota steht fest, dass sie ihre Heimat nicht kampflos aufgibt. Natürlich ist Braunkohleförderung heute die größte Umweltsauerei, die wir uns noch leisten. Die niemand mehr braucht. Was die Region wirklich braucht ist der Wiederaufbau der alten Neißebrücken. Und ein bisschen mehr Selbstbewusstsein. Dann können aus vermeintlichen Randlagen auch Traumorte werden. Wie die Felder rund um Dorotas Gartencafé.

 

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