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Grand Canyon des Ostens:
Der Radweg von Bitterfeld
rund um die Goitzsche
ist auch im
Hochwasser-Durchbruch
vom Juni 2013 wieder
bestens asphaltiert

Tour-Tagebuch Grand Canyon: Traumurlaub in Bitterfeld

Berlin, 11. August 2014

Es gibt Dinge, die dürfen einfach nicht sein. Und sie sind trotzdem da. Darf aus der einst dreckigsten Stadt Europas plötzlich ein touristisches Traumziel werden? Und was ist eigentlich eine Unwetterwarnung? Einen unglaublich schönen und trockenen Ausflug durch den Grand Canyon des Ostens beschreibt eine neue Seite im Tour-Tagebuch von Benno Koch.

Schnell hereinziehende Schauer und Gewitter. Schwülwarme Waschmaschinenhitze. Unwetterwarnung! Kein Drama ist in diesen Tagen billig genug, um den Menschen Angst zu machen. Was früher mal Wettervorhersage hieß, ist heute die geballte Ladung Angst vor einem möglichen Sommerregen. Und um es vorweg zu nehmen: Dieser Samstag blieb wie bei fast allen Radtouren dieser Serie ein traumhaft schöner, sommerlich angenehm milder und trockener Tag.

Ein gutes Dutzend Radio Eins Hörerinnen traute sich diesmal vor die Haustür. Das Abenteuer sollte Grand Canyon des Ostens heißen. Bitterfeld! Bei diesem Namen gefriert vielen Eingeweihten noch heute das Blut in den Adern. Schon alleine eine Zugfahrt mit geschlossenen Fenstern durch die Region war noch in den 1980er Jahren der Inbegriff dramatischster Luftverschmutzung. Der gelbe Smog drang durch jede Ritze.

Die Sonne scheint. Die Wolken schlagen jedes Postkartenmotiv. Von früher sowieso. Vom Bahnhof Bitterfeld geht auf die inzwischen bewaldete Hochkippe vor dem einstigen Braunkohleloch. Ein 28 Meter hoher Stahlbogen symbolisiert eine riesige Baggerschaufel. Die Rampe lässt sich mit dem Rad befahren. Der Ausblick auf die glasklare Goitzsche, aber auch auf den modernen Industriepark auf der anderen Seite der Bahn ist gigantisch.

Am Ufer der Goitzsche geht's bestens asphaltiert zur Marina. Praktisch über Nacht ist Bitterfeld zur Hafenstadt geworden. Nach einem ungeplanten Deichbruch am Flüsschen Mulde stieg der Wasserspiegel in nur zwei Tagen um sieben Meter weit über den geplanten Wasserstand. Eigentlich waren dafür vier weitere Jahre geplant. Heute ist die Goitzsche der größte See in einem einstigen Braunkohletagebau in Sachsen-Anhalt.

Am Nordufer liegt ein Fischkutter vertäut. Es gibt knusprige Fischbrötchen. Auf der Restaurantterrasse darüber wird selbstgemachtes Eis verkauft. Eine echte Almhütte macht das Urlaubsgefühl perfekt.

Etwas weiter am Ostufer steht an diesem Tag eine Welle von fast einem Meter Höhe. Am Strand stehen statt Strandkörben Diwans. Kann ein Ostseeurlaub im Hochsommer jemals so entspannt sein?

Die Windsurfer gleiten über die Wellen. Ein Seelenverkäufer am Horizont braucht nur das Vorsegel, um ordentlich auf Fahrt zu kommen. Ein Speedboot-Rennen vor der Halbinsel Pouch endet für den einen oder anderen Piloten mit einem Überschlag.

Dann wird es immer einsamer. Zwischen dem höher gelegenen Seelhausener See und der tiefer gelegenen Goitzsche brach im Juni 2013 bei einem Hochwasser erneut ein Deich. Ein hundert Meter breiter und fünfzehn Meter tiefer Canyon entstand. Im Sommer ist der Canyon noch immer da. Aber nun geht es rasant, trocken und asphaltiert auf einem neuen Radweg durch die Schlucht. Ein einzigartiges Erlebnis.

Die Bergbaufolgelandschaften gehen weiter. Inzwischen ist das Land Sachsen erreicht. Die Radwege sind bestens asphaltiert, die Seen schimmern smaragdgrün. Nicht überall ist die Sanierung so weit wie an der Goitzsche. Nicht überall ist das Baden möglich.

Das sächsische Delitzsch beeindruckt mit seiner Altstadt und mit seinem Barockschloss. Die "gute alte Zeit" hieß hinter den Schlossmauern im 19. Jahrhundert Kaserne und Zuchthaus. Nach 1974 war das Schloss wegen Baufälligkeit gesperrt. Heute erinnert in der sanierten Perle nichts vom Schrecken der Vergangenheit. Nur ein paar Schrifttafeln, auf denen grausame Todesurteile nachzulesen sind, zum Teil aufgrund geringster Vergehen angeordnet und auf heute unvorstellbare Brutalität vollstreckt wurden.

Delitzsch ist ganz ruhig. Von nennenswertem Tourismus ist hier nichts zu spüren. Im Schloss sind wir die einzigen Gäste. Ein verstecktes Gartencafé wird von einigen Einheimischen mit Kinderwagen besucht. Die Stachelbeer-Baiser-Torte ist ein Traum. Der Kaffeefilter wurde übrigens in Sachsen erfunden, Filterkaffee ist noch hochangesehen.

Offiziell erst um 18 Uhr öffnet die Altstadtkneipe an der frisch sanierten Stadtkirche St. Peter und Paul. Wer den Schlüssel zur Kirchentür hat bleibt unklar. Dafür öffnet die Kneipe nach freundlichem Klopfen an der Tür sogar früher. Das Essen dreht sich im wesentlichen um das Thema Schnitzel - und ist bodenständig gut. Vor allem die Atmosphäre ist vermutlich genau die, die andere Touristen irgendwo am anderen Ende der Welt suchen. Nicht nur mit mehr als 700 Whiskysorten ist die Welt eigentlich genau hier im Haus Nr. 2 zu Hause.

 

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