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Chwarszczany:
Auf den Spuren der
Ritter von St. John
am Samstag,
23. August 2014
- ganz friedlich auf
einer Radtour
für Genießer
(Fotomontage:
templariusze.org)

Chwarszczany: Die Rückkehr der Tempelritter

Berlin, 19. August 2014 [zuletzt geändert 22.08.14 um 22:50 Uhr]

Wir schreiben das Jahr 1232. Die Arme Ritterschaft Christi und des Salomonischen Tempels zu Jerusalem lässt sich östlich der Oder in Quartschen nieder. Von der Komturei aus werden die umliegenden Güter bewirtschaftet. Jetzt sollen die Ländereien rund um die Templerkirche wieder von den Ritterorden der Templer und Johanniter belagert werden. Für einen Tag. Auf einer Radtour für Genießer verrät Benno Koch am Samstag, 23. August 2014 die spannendsten Abenteuer in Westpolen.

Im Hochmittelalter sollen Zurückhaltung, Freundlichkeit, Würde, Höflichkeit und Großzügigkeit zu den Ritterlichen Tugenden gezählt haben. Vor einigen Wochen stehe ich am Fahrkartenschalter in Beuthen an der Oder (Bytom Odrzański). Mein Vorrat an Zloty reicht gerade so für die Bahnfahrkarte zurück nach Deutschland. Sieben Zloty für das Fahrradticket fehlen. Irgendwo finde ich noch zwei Euro. Die Bahnbeamtin darf keine Euro annehmen. Eine junge Mutter mit Kinderwagen hinter mir geht wortlos zum Schalter und bezahlt mein Ticket. Meine letzten zwei Euro anzunehmen ist auch ihr unangenehm. Sich in der Not ohne viele Worte gegenseitig zu helfen ist hier und anderswo in Polen selbstverständlich.

Vor ein paar Tagen sitze ich im Zug zurück von Kostrzyn nach Berlin. Ich hatte mir eine neue Radroute östlich der Oder nach Quartschen angesehen. In Küstrin-Kietz, dem ersten Bahnhof westlich der Oder, steigen Beamte der deutschen Bundespolizei in den Regionaltriebwagen. Aufmerksam mustern sie die wenigen Fahrgäste und testen mit ein paar Floskeln, wer Deutsch spricht. Es ist der letzte Zug. Draußen ist es dunkel. Die Nächte sind schon wieder kalt.

Irgendwann schnappe ich zunehmend unfreundliche Wortfetzen aus dem Nachbarabteil auf. Zwei polnische Fahrgäste werden von der Bundespolizei und der Zugbegleiterin zum Ausstieg aufgefordert. Die beiden haben offenbar kein Ticket und kein Geld. Warum bleibt unklar. "Ich bezahle die Tickets, dann können wir weiterfahren und die Bundespolizei kann aussteigen", mische ich mich in die Szenerie ein. Ungläubige Blicke treffen mich. "Mir wurde vor ein paar Tagen in Polen auch geholfen. Ohne viele Worte, einfach so."

Als der Zug wieder fährt, kommt eine Schwangere mit geröteten Augen zu mir und umarmt mich: "Das werde ich nie vergessen." Setzt man wirklich Schwangere in unserem Land in der Nacht im Nirgendwo im Dunkeln und in der Kälte aus? Vermutlich könnten von dem Jahresgehalt eines Bundespolizisten sämtliche Schwarzfahrer eines ganzen Jahres auf der dieser Linie ein Ticket bekommen. Oder ist das die so genannte Grenzkriminalität, die angeblich dringend mit mehr Beamten bekämpft werden soll?

Diese rund 75 Kilometer kurze Radtour für Genießer ist ein wunderbarer Querschnitt durch Westpolen im Wandel: Die Straßen abseits der Tankstellen kurz hinter der Grenze sind leer. Die Oder gleicht hier auf der Ostseite bis Gozdowice an den steil aufragenden Hängen manchmal einem Bergsee. Unterwegs wird die alte Eisenbahnbrücke von Bienenwerder über die Oder nach Siekierki erreicht. Züge fahren hier schon lange nicht mehr. Warum die Brücke keine Fahrradbrücke werden durfte, bleibt unklar. Der Versuch mit einer Draisine hier Geld zu verdienen, endet zurzeit auf deutscher Seite in der Flussmitte. Einige Naturschützer wollen offenbar verhindern, dass man sich hier umweltfreundlich ohne Auto auf kurzem Wege trifft.

In Gozdowice erreicht eine Oderfähre von Güstebieser Loose das polnische Ufer. Alle 40 Minuten pendelt hier lautstark ein kleiner Schaufelraddampfer. Bei Hoch- oder Niedrigwasser geht jedoch nichts mehr. Also ziemlich oft. Anders als auf den lautlosen Gierfähren an der polnischen Oder stromaufwärts, die zuverlässig und nach Bedarf ohne festen Fahrplan meist sogar kostenlos verkehren.

In Bärwalde (Mieszkowice) herrscht wochentags geschäftiges Treiben. Die gut 3.500 Einwohner zählende Ackerbürgerstadt hat den Zweiten Weltkrieg praktisch unzerstört überstanden. So etwas wie Tourismus scheint sich hier jedoch nur ganz zaghaft zu entwickeln. Vor den Stadttoren ist ein schmucker Ziegelbau neu entstanden, der an eine Scheune erinnert. Und so heißt das urige Restaurant auch passend Stodoła.

Nun werden die Straßen immer schmaler und ruhiger. Es geht über die Dörfer nach Quartschen (Chwarszczany). Ein neuer Windpark mit zwei Dutzend Windkraftanlagen beeindruckt unterwegs. Die Energiewende und das Ende neuer Braunkohletagebaue ist auch östlich der Oder zum Greifen nah.

Im Tal des kleinen Flüsschens Mietzel (Mysla) taucht dann die alte Templerkirche auf. Und für einen Tag werden hier die Tempelritter wieder lebendig: Kostüme, Pferde, Kampfturniere, Bogenschießen, Schmiedekunst und Schwertkämpfe machen die Illusion perfekt. Und gleich nebenan wartet der passende Gasthof.

Ein paar Kilometer weiter lässt das Schloss Tamsel (Palac Dąbroszyn) die Spuren der Geschichte ein paar Jahrhunderte später erahnen - und steht zum Verkauf. Von hier ist es auf einem straßenbegleitenden Radweg zum Bahnhof Kostrzyn nicht mehr weit.

 

Einfach anmelden - Westpolen und Tempelritter erleben!

  • Sonnenuntergangstour: geführte Radtour mit Benno Koch am Samstag, 23. August 2014

  • Strecke: Die rund 75 Kilometer kurze Tour durch Westpolen nach Quartschen ist kein Radrennen, sondern ein Angebot für Rad fahrende Genießer.

  • Treffpunkt: 8:25 Uhr, Bahnhof Berlin-Lichtenberg

  • Ende: gegen 22:30 Uhr in Berlin

  • Teilnahmegebühr für die Radtour: 12 Euro ermäßigt 8 Euro pro Person

  • externe Kosten: die Bahnfahrt (5,80 Euro bei einer durch fünf teilbaren Teilnehmerzahl plus 5,00 Euro fürs Fahrrad - die 5-Euro-DB-Nahverkehrs-Fahrradtageskarte kannst Du Dir bereits vorab kaufen, wenn Du mit der S- oder Regionalbahn zum Treffpunkt fährst) sowie der Café- und Restaurantbesuch kommen hinzu

  • Anmeldung: schickt mir bitte einfach eine SMS an Mobil 0157/73746049 oder eine E-Mail an kontakt@benno-koch.de

  • Anmeldestand (22. August 2014, 22:50 Uhr): noch 9 von 20 Plätzen frei

  • Essen und Trinken: diese Radtour führt nicht nur durch die Region hindurch, sondern auch in das eine Café und das andere Restaurant hinein; zusätzlich solltest Du Dir eine Wasserflasche mitnehmen, zum Beispiel mindestens ein, besser zwei Liter (stilles Leitungs-)Wasser sind nie zu viel

  • Teilnahmebedingungen: es gelten die Regeln der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO), die Teilnehmer tragen selbst das allgemeine Risiko, das die Teilnahme am Straßenverkehr mit sich bringt und sind für die Sicherheit ihres Fahrrades selbst verantwortlich, die Rückfahrt erfolgt in der Dunkelheit (Licht)

  • Fahrrad und Bahn: damit auch die Fahrt mit der Bahn entspannt wird, bitte ausschließlich Packtaschen mit Quick Lock (lassen sich mit einem Handgriff vom Rad nehmen) verwenden und auf Fahrradkörbe generell verzichten (diese nehmen in der Bahn den Platz für zwei Fahrräder weg); im Mehrzweckabteil der Regionalzüge immer alle Packtaschen vom Fahrrad nehmen und die Räder mit den Lenkern entgegengesetzt an die Klappsitze lehnen, Fahrgäste auf den Klappsitzen ohne Fahrräder freundlich bitten aufzustehen – und natürlich Rücksicht nehmen!

 

Hintergrund

  • Fotos der Radtour durch Westpolen zwischen Gozdowice und Kostrzyn in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

  • gpx/gps-Track der Radtour durch Westpolen von Bad Freienwalde über Gozdowice nach Kostrzyn als zip-Datei (162 kb) herunterladen