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Neißewelle:
Die neue Brücke
Coschen-Żytowań
soll Ende Oktober 2014
fertig sein - und verkürzt
den Weg um 19 Kilometer

Westpolen: Die Brücke

Berlin, 11. September 2014 [zuletzt geändert 12.09.14 um 16:50 Uhr]

"Eine Brücke ins Nirgendwo" titelt die rbb-Redaktion Klartext. Nirgendwo? Gemeint ist Westpolen. Bis 1945 überquerten mindestens 66 Brücken die Neiße. Heute existieren 33 nutzbare Neißebrücken. Mit der Neißewelle kommt zwischen Coschen und Żytowań jetzt eine neue Brücke hinzu. Auf einer Radtour für Genießer verrät Benno Koch am Samstag, 13. September 2014 was in Westpolen wirklich geht.

In Brandenburg herrscht Wahlkampf. Am Sonntag wird ein neuer Landtag gewählt. Jetzt geht es vor allem um Aufmerksamkeit. Stimmt es wirklich, dass es eine Zunahme der Kriminalität gibt? Wer in diesen Tagen an der Oder und Neiße entlang radelt könnte es glauben: Die Laternenmasten sind mit den Plakaten kleiner Parteien übersät. Mit der Angst vor einer angeblichen Grenzkriminalität.

Na klar, es wird geklaut. Doch es ist friedlicher geworden. Noch 1994 registrierte die Polizei unfassbare 23.182 Kfz-Diebstähle in Brandenburg. Bei bestens bewachten Grenzen. Und tausenden Polizeibeamten mehr als heute. Im Jahr 2013 sind die Grenzkontrollen längst Vergangenheit. Und die Zahl der Kfz-Diebstähle liegt bei genau 3.522 Fällen oder einem unglaublichen Rückgang von 85 Prozent in 20 Jahren. Auch die Kriminalität insgesamt ging in diesem Zeitraum um ein Drittel zurück.

Gute Nachrichten lassen sich natürlich schlechter verkaufen. Und die Brandenburger Polizei kämpft gegen die mit einer Reform verbundenen Stellenkürzungen. Klassische Medien haben ein ähnliches Problem.

Ist es eigentlich normal, dass man 19 Kilometer Umweg fahren muss, nur weil eine im Krieg zerstörte Brücke auch noch 70 Jahre danach fehlt? Gerade öffentlich-rechtliche Medien scheinen sich beim Wiederaufbau der Neißebrücke Coschen-Żytowań gegenseitig mit Horrormeldungen überbieten zu wollen.

Beim NDR geht nichts unter Der reale Irrsinn: Die Brücke ins Nichts und im rbb-Klartext führt Eine Brücke ins Nirgendwo. Dabei ist die Neißewelle mit 5,5 Millionen Euro sogar noch deutlich billiger, als jede kreuzungsfreie Ortsumgehung für wenige hundert Kfz. Und davon gibt es viele in Brandenburg.

Diese 65 Kilometer kurze Radtour ist natürlich wie immer ein Angebot für Genießer. Und sie führt durch eine abwechslungsreiche und ruhige Kulturlandschaft. Eines der pompösesten Zeichen der christlichen Hochkultur hat sich gleich am Anfang gerade chic gemacht: Die fast 750 Jahre alte Klosteranlage Neuzelle. Bis 2015 sollen insgesamt 52 Millionen Euro investiert worden sein. Der sanierte Stiftsplatz neben der barocken Klosterkirche wurde gerade übergeben.

Der Trubel rund um die Brauerei und das Klostergelände ist bereits nach wenigen Metern vorbei. Nun erschließen sich die einsamen Weiten entlang der Oder und Neiße. Bis zur Neißemündung bei Ratzdorf ist der sanierte Deich fast fertig, der neue Asphaltstreifen fast durchgängig.

In Ratzdorf spürt man nichts mehr vom Aufbruch nach dem Oder-Hochwasser 1997. Nur am Wochenende kommt mit der Kajüte etwas Leben ins Dorf. Die liebevoll sanierte Gast- und Tanzwirtschaft versprüht den Charme einer längst vergangenen Zeit. Unter der Woche ist hier niemand.

Ein paar Meter weiter ist die Ratzdorfer Werft in einen Dornröschenschlaf verfallen. Wo einst wirklich eine Werft betrieben wurde, entstand im Jahr 2000 ein "Europäisches Begegnungszentrum" mit Hotel und Restaurant. Seit fast drei Jahren ist die Anlage nach einem Wasserschaden nun schon verwaist.

"Man hätte dort nie bauen dürfen", sagt eine ehemalige Ratzdorferin. Heute ist sie mit ihren Eltern hier unterwegs. Und es werden die einzigen Menschen bleiben, die ich an diesem Tag hier treffe. "Wann kommt hier eigentlich die Neißefähre zurück? Wissen Sie, dass es auf der polnischen Neißeseite einen wunderbaren Badesee mitten im Wald mit neuen Restaurants und Ferienhäusern gibt?", will ich wissen. Es ist irgendwie verkehrte Welt: Sollte das Nichts nicht auf der anderen Seite liegen?

Ein paar Kilometer weiter in Coschen wird fleißig an der neuen Brücke gearbeitet. Der Unterbau ist fertig. Jetzt wird planiert und gedichtet. Ende Oktober 2014 soll die Brücke eröffnet werden. "Darf ich mein Rad schon mal rüberschieben?" "Mir doch egal", kommt die Zustimmung von einem der Bauarbeiter promt. Es fühlt sich gut an, 19 Kilometer Umweg über Guben gespart zu haben.

Auch im polnischen Żytowań wird fleißig gebaut. Hier ist die Brücke niemanden egal. Im Gegenteil: Zwischen der Brücke und dem Dorf entstehen gerade Ferienhäuser und Geschäfte. Die Erwartungshaltung ist groß. Ein Stück weiter in Kosarzyn ist der Jezioro Borek (Boreksee) schon jetzt ein quirliges Ferienparadies, wie es rund um das gegenüberliegende Ratzdorf nicht zu finden ist. Ist Tourismus nicht erfolgreicher, wenn man zusammenarbeitet?

Durch pilzreiche Wälder geht es auf ruhigen asphaltierten Straßen nun nahe der Oder Richtung Osten. Hin und wieder wirbt ein Bauernhof mit Agrotourismus, in jedem Dorf hat mindestens ein Laden geöffnet und auf den Straßen sind Menschen.

An einer Bushaltestelle im kleinen Dorf Chojna warte ich einen Regenschauer bei einem Picknick ab. Der blaue Post-Briefkasten hängt gleich neben mir. Zufällig kommt das Postauto vorbei, der Mann grüßt, fragt ob er behilflich sein kann und gibt mir zum Abschied die Hand. Undenkbar in Brandenburg. Ist das hier wirklich Nichts?

In Crossen an der Oder (Krosno Odrzańskie) ist schließlich die nächste Oderbrücke erreicht. Der im Zweiten Weltkrieg zu 65 Prozent zerstörte und heute polnische Ort mit seinen 12.000 Einwohnern pulsiert, wie es auf deutscher Seite undenkbar ist. Geschäfte haben bis 23 Uhr geöffnet, es gibt ein halbes Dutzend Restaurants, zwei Hotels, mindestens einen guten Burgerbrater, eine teilsanierte Burgruine - und einen fantastischen Ausblick über das Odertal. Über die beeindruckende Oderbrücke fahren 40-Tonner im Minutentakt.

Natürlich ist in Crossen noch viel zu tun. Über die Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs nach Guben wird immer wieder mal diskutiert. Zuletzt sollte es Ende 2013 so weit sein, passiert ist nichts. Doch ein neuer straßenbegleitender Radweg zum nächsten Bahnhof rund zehn Kilometer außerhalb der Stadt ist in diesen Tagen fast fertig.

Und so geht es mit dem Zug zurück nach Slubice, wo das beste Restaurant natürlich auf der polnischen Seite der Oder wartet. Und ein soeben neu eröffnetes Café gleich nebenan, mit der sicheren Chance auf ein neues Lieblingscafé. Ob das mit dem "Nichts" vielleicht nur so eine fixe Ideen in den dunklen Redaktionskatakomben in Potsdam und Hamburg war?

 

Einfach anmelden - Westpolen, eine Brücke und Crossen an der Oder erleben!

  • Sonnenuntergangstour: geführte Radtour mit Benno Koch am Samstag, 13. September 2014

  • Strecke: Die rund 65 Kilometer kurze Tour von Neuzelle über Crossen an der Oder und zurück nach Frankfurt Oder ist kein Radrennen, sondern ein Angebot für Rad fahrende Genießer.

  • Treffpunkt: 9:00 Uhr, Berlin-Hauptbahnhof

  • Ende: gegen 21:30 Uhr in Berlin

  • Teilnahmegebühr für die Radtour: 12 Euro ermäßigt 8 Euro pro Person

  • externe Kosten: die Bahnfahrt (5,80 Euro bei einer durch fünf teilbaren Teilnehmerzahl plus 5,00 Euro fürs Fahrrad - die 5-Euro-DB-Nahverkehrs-Fahrradtageskarte kannst Du Dir bereits vorab kaufen, wenn Du mit der S- oder Regionalbahn zum Treffpunkt fährst), die Bahnfahrt in Polen (20,50 Zloty (4,89 Euro) inkl. Fahrrad) sowie der Café- und Restaurantbesuch kommen hinzu

  • Anmeldung: schickt mir bitte einfach eine SMS an Mobil 0157/73746049 oder eine E-Mail an kontakt@benno-koch.de

  • Anmeldestand (12. September 2014, 16:50 Uhr): noch 13 von 20 Plätzen frei

  • Essen und Trinken: diese Radtour führt nicht nur durch die Region hindurch, sondern auch in das eine Café und das andere Restaurant hinein; zusätzlich solltest Du Dir eine Wasserflasche mitnehmen, zum Beispiel mindestens ein, besser zwei Liter (stilles Leitungs-)Wasser sind nie zu viel

  • Teilnahmebedingungen: es gelten die Regeln der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO), die Teilnehmer tragen selbst das allgemeine Risiko, das die Teilnahme am Straßenverkehr mit sich bringt und sind für die Sicherheit ihres Fahrrades selbst verantwortlich, die Rückfahrt erfolgt in der Dunkelheit (Licht)

  • Fahrrad und Bahn: damit auch die Fahrt mit der Bahn entspannt wird, bitte ausschließlich Packtaschen mit Quick Lock (lassen sich mit einem Handgriff vom Rad nehmen) verwenden und auf Fahrradkörbe generell verzichten (diese nehmen in der Bahn den Platz für zwei Fahrräder weg); im Mehrzweckabteil der Regionalzüge immer alle Packtaschen vom Fahrrad nehmen und die Räder mit den Lenkern entgegengesetzt an die Klappsitze lehnen, Fahrgäste auf den Klappsitzen ohne Fahrräder freundlich bitten aufzustehen – und natürlich Rücksicht nehmen!

 

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