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Radio Eins: Fahrradfahrer richtig überholen

Berlin, 25. März 2015

"Beim Überholen von Radfahrern mindestens 1,50 Meter Abstand halten", leuchtet seit einem Jahr von den Infotafeln der Verkehrsinformationszentrale (VIZ) Berlin. Doch was bedeutet das eigentlich genau? Benno Koch hat die aktuellen Unfallzahlen durch zu dichtes Überholen abgefragt und sich einen Gerichtsprozess angeschaut - am Mittwoch kurz nach Elf live auf Radio Eins.

Überholen ohne Sicherheitsabstand: Es ist die Ur-Angst vieler Radfahrer. Zu dichtes Überholen durch Autofahrer. Es ist der Beginn einer Kette von Fehlverhalten und Lösungsversuchen, die größere Probleme nach sich ziehen. Mit Hilfe einer Radwegbenutzungspflicht wurde bis 1997 versucht, das Problem auf die Gehwege zu verschieben. Mit oft bescheidenen Mitteln wurden letztere zu Radwegen erklärt. Oft sollte eine weiße Linie reichen. Das Hauptproblem dort: Das Übersehen von Radfahrern an Kreuzungen, Einmündungen und Ausfahrten. Ständige Konflikte mit Fußgängern inklusive. Heute sind in Berlin noch 14 Prozent aller Radwege auf jenen Gehwegen benutzungspflichtig. Doch noch immer fühlen sich viele Radfahrer dort oder auf sonstigen Gehwegen subjektiv sicherer.

Wer im Berliner Alltag mit dem Rad unterwegs ist, fühlt sich oft bedrängt. Kurz vor der roten Ampel überholt und ausgebremst zu werden, lässt das Adrenalin in den Adern von Radfahrern auf Höchstwerte schnellen. Werte, "die in gefährlichen Situationen das Überleben sichern sollen (Kampf oder Flucht)", wie es Wikipedia bildlich beschreibt. Im Auto wird davon nichts bemerkt: "Da war doch noch Platz."

Doch wie viel Platz bleibt eigentlich, wenn man Radfahrer mit mindestens 1,50 Meter seitlichem Sicherheitsabstand überholt? Ganz rechts sollen laut einschlägigen Gerichtsurteilen 80 Zentimeter zu parkenden Autos und sich plötzlich öffnenden Türen bleiben. Dann kommt der Radfahrer mit der Lenkerbreite plus einer leichten Pendelbewegung von 1,00 Meter. Am linken Lenkerende, genauer an der "linken Außenkante des Radfahrers", beginnen dann jene 1,50 Meter seitlicher Sicherheitsabstand. Macht zusammen 3,30 Meter. Aber ist nicht eine ganze Fahrspur nur zwischen 2,80 und 3,50 Meter breit? Genau.

Wer Radfahrer mit dem Auto sicher und entsprechend der Rechtssprechung überholen möchte, muss auf die zweite Spur oder die Gegenfahrbahn wechseln. Das ist immer mehr Autofahrern bekannt. Heute werden Radfahrer mit größeren Abständen überholt als noch vor wenigen Jahren. Doch nicht von allen Autofahrern. Auch die VIZ-Informationstafeln erklären dies nicht.

Das Problem: Während die Rechtssprechung inzwischen klare Abstände definiert hat, ist dies in der Straßenverkehrsordnung so nicht nachzulesen: "Wer zum Überholen ausscheren will, muss sich so verhalten, dass eine Gefährdung des nachfolgenden Verkehrs ausgeschlossen ist. Beim Überholen muss ein ausreichender Seitenabstand zu anderen Verkehrsteilnehmern, insbesondere zu den zu Fuß Gehenden und zu den Rad Fahrenden, eingehalten werden", heißt es lediglich in §5 Abs. 4 StVO. Wäre eine Klarstellung und eine Änderung der StVO nicht der wesentliche Schritt, um den Grundkonflikt zu lösen?

Tatsächlich registriert die Berliner Polizei nur wenige Fahrradunfälle durch "sonstige Fehler beim Überholen" durch Kfz. Also zum Beispiel "ohne genügenden Seitenabstand". Im Jahr 2014 waren es 177 Unfälle, davor 181 (2013) und 162 (2012). Insgesamt gab es in Berlin 2014 genau 132.718 Straßenverkehrsunfälle, darunter 7.699 Fahrradunfälle. Genau 2,3 Prozent aller Fahrradunfälle waren demnach auf "Fehler beim Überholen" durch Kfz zurückzuführen.

Die Angst bleibt. So auch beim einem tödlichen Fahrradunfall vor knapp einem Jahr im Dahlemer Weg 122. Ein 68jähriger Radfahrer wurde 20 Meter vor einer roten Ampel von einer 66jährigen Smartfahrerin tödlich verletzt. Der Radfahrer sei plötzlich ausgeschert, die Autofahrerin in einem anschließenden Prozess vor dem Amtsgericht Tiergarten im März 2015 freigesprochen. In der Statistik der Berliner Polizei taucht dieser Fall nicht unter "Fehler beim Überholen" durch Kfz auf. Bemerkenswert: Vom Gutachter über den Staatsanwalt bis hin zum Richter und Verteidiger rätseln alle Beteiligten über jene 1,50 Meter seitlichen Abstand. Wo beginnt der eigentlich? Vielleicht am Fahrbahnrand? Während sich die Smartfahrerin und ein Zeuge im Auto hinter ihr an eines genau erinnern können: Es waren in jedem Fall 1,50 Meter. Wo auch immer.

 

Hintergrund

  • "Der Radfahrer ist leider in mein Auto gefahren": Einen Hintergrundartikel zu einem aktuellen Prozess um einen tödlichen Fahrradunfall auf www.benno-koch.de finden.

  • Urteile zum Überholen: Eine Zusammenfassung ist zum Beispiel unter www.adfc-nrw.de zu finden.

  • Verkehrsunfallstatistik: Alle offiziellen Zahlen der Berliner Polizei aus der ersten polizeilichen Unfallaufnahme unter www.berlin.de finden.

  • Radio Eins: unter www.radioeins.de hören