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Die Deutschen haben
keine Lust mehr aufs Auto

Berliner Morgenpost über das Versagen der Autoindustrie

Berlin, 17. November 2008

Hajo Schumacher darf "Mit Steuermillionen in die Sackgasse" den deutschen Autoherstellern die Leviten lesen

Unter Roland Koch, Klaus Wowereit und Angela Merkel macht's Hajo Schumacher nicht - zumindest nicht, wenn es um seine Buchveröffentlichungen geht. Jetzt legt er sich in seinem aktuellen Leitkommentar mit der deutschen Automobilindustrie an (Berliner Morgenpost, 17. November 2008, Seite 2).

Ein kluge Kombination aus U-Bahn, Taxi, Fahrrad, Mietwagen oder Zug ist allemal effektiver

"Das herkömmliche Auto bedient die Wünsche der Menschen immer weniger", schreibt Schumacher. "Der moderne Konsument will sicher, schnell, zuverlässig, preiswert und ökologisch von A nach B gelangen. Eine kluge Kombination aus U-Bahn, Taxi, Fahrrad, Mietwagen oder Zug ist allemal effektiver ... Die Autoindustrie hat diese Bedürfnisse konsequent ignoriert."

Ist es modern, einen einzelnen Menschen in zwei Tonnen schweren Panzerwagen mit 20 km/h fortzubewegen?

Schumacher stellt die richtigen Fragen, die in der Tagespolitik nach wie vor verdrängt und seit der Pleite der Lehman-Brothers scheinbar ganz vergessen sind: "Ist es modern, einen einzelnen Menschen in zwei Tonnen schweren Panzerwagen mit einem Durchschnittstempo von 20 km/h fortzubewegen, wie es jeden Tag millionenfach geschieht?"

Und seine Antwort leuchtet irgendwie ein: "Deutschlands Autoindustrie hat die dramatische Veränderung der Konsumentenbedürfnisse verpennt - als würde man im Zeitalter von iPod und Downloads weiter tapfer auf die Vinylschallplatte setzen."

Wenn Schumacher jetzt fordert "das Verkehrssystem von morgen zu entwickeln" - denn es wäre "ein weltweiter Exportschlager" - hat er dafür nicht nur die deutsche Automobilindustrie und mächtige Lobbyverbände gegen sich. Er muss vor allem auch wesentliche Meinungsführer aus Politik und Medien knacken. Und Schumacher befürchtet, es nicht zu schaffen: "Es wäre fatal, wenn die Bundesregierung den Weg in die Sackgasse mit Steuermilliarden zementiert."

Nur jeder 54. Arbeitsplatz hängt direkt von der Kfz-Produktion in Deutschland ab

Doch eigentlich gibt selbst der Verband der deutschen Automobilindustrie die Zahl der Beschäftigten (alle Hersteller plus Zulieferer der deutschen Automobilindustrie) ganz bescheiden mit 744.550 Personen (2007) an. Was bei einer Erwerbstätigenzahl in Deutschland (Statistisches Bundesamt IV/2007) von 40,27 Mio. Personen mageren 1,85 Prozent aller Beschäftigten entspricht - korrekterweise also jedem vierundfünfzigsten Arbeitsplatz entspräche.

Dagegen hatte zuletzt der wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD im Deutschen Bundestag, Rainer Wend, in einem Radio Eins Interview behauptet, "jeder siebente Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt von der Autoindustrie ab".

Nicht jeder Würstchenverkäufer ist von der Automobilindustrie abhängig

"Mir ist bekannt, dass gerade die Automobillobby jeden Würstchenverkäufer als von ihr abhängig dazu zählt", sagt Benno Koch, Berlins Fahrradbeauftragter. "Tatsächlich hängt aber die Wertschöpfung des Würstchenverkäufers nicht vom Umsatz der Automobilindustrie, sondern zunächst vom Hunger des Würstchenkäufers ab."

Mit weitaus geringeren Investitionssummen mehr Wertschöpfung erreichen

"Das Engagement vieler Entscheidungsträger ist noch immer reflexartig einzigartig effektiv, wenn es um Bestandswahrung alter Industrien geht", so Koch. "Gerne würde ich mir zunächst ein Hundertstel der aktuellen Rettungspakete in zukunftsträchtigeren Bereichen wünschen." Ein Hundertstel würde zum Beispiel 400 Millionen Euro für den Fahrradverkehr bedeuten, im Vergleich zum 40 Milliarden Euro Paket, das gerade für die Automobilindustrie auf den Weg gebracht wird.

Und Koch zieht den Vergleich: "Der Bund investiert in den Fahrradverkehr pro Jahr ganze 100 Millionen Euro, obwohl der Anteil der Fahrradverkehrs bedeutend größere Investitionen rechtfertigen und auch hier entsprechend mehr Arbeitsplätze geschaffen werden würden."

Hintergrund

- vollständigen Leitkommentar von Hajo Schumacher in der Berliner Morgenpost nachlesen

- die Mehrzahl der Berliner hat schon lange keine Lust auf's Auto mehr - ein Blick in das leere Parkhaus des Berliner Hauptbahnhofs in der Bildergalerie www.benno-koch.de

- und eigentlich hatte sich die Bundesregierung mit dem Nationalen Radverkehrsplan ganz andere Schwerpunkte vorgenommen