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Radweg Berlin-Usedom:
Fahrradtouristen haben auf
Radfernwegen zwischen
Anklam und Ueckermünde
nichts zu lachen

Radweg Berlin-Usedom: Ein Trampelpfad durch die Modellregion Stettiner Haff

Ueckermünde, 20. November 2010 [zuletzt aktualisiert 22.11.10 um 17:20 Uhr]

Es ist ein bisschen wie kurz nach dem Fall der Mauer: Ein längst verblichenes Schild kündet von einem "Radwanderweg", gefördert aus dem Gemeinschaftswerk "Aufschwung Ost". Den dazugehörigen Trampelpfad - heute als "Radweg" Berlin-Usedom vermarktet - haben die Biber längst ihren Bedürfnissen angepasst. Eine Bestandsaufnahme von Benno Koch.

Die Modellregion Stettiner Haff tut sich schwer - nicht nur mit dem Fahrradtourismus. Mitte dieser Woche stellte die "Mobilitätsagentur Stadt Land Rad" in Ueckermünde einen Abschlussbericht vor. Die Aufgaben und der Status einer Mobilitätsagentur blieben jedoch unklar, greifbare Ergebnisse aus zwei Jahren Förderung auch. Im Wesentlichen wird nun die örtliche Tourismusinformation Ueckermünde mit einem Fahrradverleih kombiniert - in einem Neubau am Hafen.

Das vom Bundesverkehrsministerium geförderte Projekt sollte zwischen Dezember 2008 und November 2010 im "Rahmen des Modellprojekts Demografischer Wandel" eine "Förderung der Radverkehrsmobilität von Bürgerinnen und Bürgern im ländlichen Raum" bewirken. "Stadt Land Rad" ist dabei eines von 20 Projekten in der "Modellregion Stettiner Haff" mit einem Förderumfang von 2,2 Millionen Euro.

"Unerheblich, wenn nicht in eine systematisch andere Lösung zur Neuorganisation von Mobilität eingespannt", schreiben die Gutachter des Berlin-Instituts in einer Projektbewertung von "Stadt Land Rad" bereits im Juni 2009. Ebenfalls im Auftrag des damaligen Bundesverkehrsministers Wolfgang Tiefensee.

Wirklich "unerheblich"? "Mit über 13,2 Prozent fahren in Mecklenburg-Vorpommern auch überdurchschnittlich viele Menschen mit dem Fahrrad zur Arbeit", sagt der Verkehrsminister des Landes Volker Schlotmann im April 2010. Bundesweit beträgt der Fahrradanteil am Modal-Split - also am Gesamtverkehr - offiziell zehn Prozent.

Doch die beiden Landkreise am Stettiner Haff, Uecker-Randow im Süden und Ostvorpommern im Norden, scheinen sich seit Jahren unter Wert zu verkaufen.

Auch von einem Ausbau der überregionalen Radfernwege durch die Region - Radweg Berlin-Usedom, Oder-Neiße-Radweg, Mecklenburgischer Seen-Radweg, Stettiner Haffrundweg - zu sprechen, wäre übertrieben. Oft sind es Trampelpfade, nicht selten innerorts eher Gehwege - am Stettiner Haff gibt es nicht eine "Fahrradstraße", vom Mindeststandard eines Radfernweges fehlt jede Spur.

Was läuft hier also falsch beim Thema (Fahrrad-)Mobilität?

 

1. Lage der Modellregion Stettiner Haff am Beispiel der Stadt Ueckermünde

- Ueckermünde (10.127 Einwohner) liegt gut 50 Kilometer von der polnischen Großstadt Szczecin (Stettin - 406.307 Einwohner) und gut eine Fährstunde von der größten Stadt der Insel Usedom Świnoujście (Swinemünde - 40.765 Einwohner) entfernt

- mit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens an der deutsch-polnischen Grenze im Dezember 2007, sind dort bereits vor drei Jahren die Grenzkontrollen entfallen

- heute am Stettiner Haff weiter von einer Randlage und einem demografischen Wandel (Bevölkerungsrückgang) zu sprechen, ist wohl eher ein Ausdruck von Ideenlosigkeit

- während polnische Hotels und Restaurants in der Regel mindestens zweisprachige Speisekarten und Informationen anbieten, fehlen polnische Übersetzungen (übrigens auch englische) in der grenznahen deutschen Hotellerie und Gastronomie praktisch vollständig

- während im polnischen Stettin und Swinemünde Wohnungen fehlen, wurden diese im "Speckgürtel" am Stettiner Haff auf deutscher Seite gerne abgerissen oder stehen leer

 

2. Fahrrad und Bahn

- Ueckermünde hat Ende 2009 gleich zwei neue Bahnhöfe bekommen - am Stadthafen und am gerade erneuerten Busbahnhof, während der etwas außerhalb des Stadtgebietes gelegene einstige Bahnhof Ueckermünde geschlossen wurde

- die Regionalbahnlinie des privaten Anbieters Ostseeland Verkehr GmbH (OLA) verbindet (Neubrandenburg), Pasewalk und Ueckermünde im 2-Stunden-Takt, montags bis freitags zwischen 5.00 und 7.00 sowie 13.00 bis 15.00 Uhr ergibt sich ein sogar ein Stundentakt

- doch kein einziger Zug der RegionalExpress-Linie RE3 aus Berlin erreicht im Umsteigebahnhof Pasewalk einen Zug der OLA nach Ueckermünde Stadthafen ohne mindestens 64-minütige Umsteigezeit

- ein einfacher Linientausch zwischen der (nummernlosen) OLA nach Ueckermünde und der RegionalExpress-Linie RE6 nach Stettin (beide vereinen sich zurück Richtung Neubrandenburg zu einem Stundentakt) könnte die Fahrzeit zwischen Berlin und Ueckermünde um eine Stunde verkürzen

- "Die von Ihnen vorgeschlagene Lösung ist derzeit noch nicht umsetzbar", sagt Verkehrsminister Schlotmann auf Nachfrage im März 2010, "Weil ausschließlich die DB Regio AG eine Betriebsgenehmigung für den grenzüberschreitenden Verkehr bis Stettin hat." Stimmt das wirklich? Zumindest die eingesetzten Züge der OLA (Talent) sind baugleich mit den seit Jahren zwischen Berlin und Kostrzyn ebenfalls nach Polen verkehrenden Zügen der Niederbarnimer Eisenbahn. Und: Wurde wenigstens ein Antrag auf Betriebsgenehmigung der OLA in Polen gestellt?

- "Reichweite? Schwierig ohne Gesamt-Mobilitätskonzept", schreibt das Berlin-Institut so auch zum Projekt der Modellregion Stettiner Haff "Optimierung des Schienenpersonennahverkehrs" als überwiegend lokale Lösung

 

3. Fahrrad und Bus

- fahren außerhalb des Schülerverkehrs überhaupt noch Busse und nehmen diese ohne lange Diskussion Fahrgäste mit Fahrrädern mit? Im Normalfall nein!

- so schreibt die Verkehrsgesellschaft Uecker-Randow mbH (VGU) in ihren Allgemeinen Beförderungsbestimmungen nichts von einer auch nur theoretischen Fahrradmitnahme, eine eigene Website der Verkehrsgemeinschaft Müritz-Oderhaff (VMO) als Dachorganisation für die regionalen Busgesellschaften gibt es ebenso wenig, wie einen Verkehrsverbund

- "Aber wir fahren doch bereits seit Mai 2008 zwischen Pasewalk und Ueckermünde sogar mit einem Fahrradanhänger an unseren Bussen", beschwert sich Birgit Klemer, zuständig für Fahrplan und Tarife bei der Verkehrsgesellschaft Uecker-Randow (VGU). "Sogar im direkten Anschluss an die Regionalzüge aus Berlin am Bahnhof Pasewalk."

- Und wie erfährt der potenzielle Fahrgast von dem Angebot der VGU? Während die Reiseauskunft der Deutschen Bahn AG zum Beispiel in Berlin-Brandenburg auch alle Busverbindungen enthält, fehlen diese für das Land Mecklenburg-Vorpommern vollständig. So ist die Fahrplansuche in den pdf-Dateien der VGU zwar möglich - aber wer kennt das Unternehmen schon außerhalb des Landkreises? Ach ja, unter Besondere Beförderungsbestimmungen ist tatsächlich nachzulesen: "Die Fahrradmitnahme im Bus erfolgt nur in begrenzter Anzahl im Rahmen der vorhandenen Platzkapazität." Ja, wie jetzt: In jedem Bus?

 

4. Fahrrad und Schiff

- der schönste Weg auf eine Insel wie Usedom zu fahren ist natürlich der mit dem Schiff

- tatsächlich wäre bereits heute die schnellste Verbindung mit der Bahn von Berlin zum neuen Bahnhof Ueckermünde Stadthafen und weiter mit dem Schiff nach Kamminke (Usedom) in weniger als vier Stunden zu schaffen, von wo es nur noch fünf Fahrradkilometer nach Swinemünde sind

- die Oderhaff Reederei Peters verkehrt im Sommerhalbjahr zwischen Mai und September zwei Mal täglich zwischen Ueckermünde und Kamminke über das Stettiner Haff und zurück sowie dienstags und donnerstags mit einer zusätzlichen Abendverbindung von der Insel zurück zum Festland

- mittwochs, freitags und sonntags verkehren die Schiffe der Oderhaff Reederei seit 2010 sogar von Ueckermünde nach Swinemünde mit direktem Anschluss an die Bahn aus Berlin um 10 Uhr und um 15.30 Uhr in der Gegenrichtung, Fahrzeit jeweils zweieinhalb Stunden

- Fahrradtouristen sind inzwischen die Hauptzielgruppe für die Schiffe übers Haff, und die Schiffe selbst sind die am meisten unterschätzte Lebensader für die Vernetzung der boomenden Insel Usedom mit dem Hinterland

- doch anders als jedes Bus- oder Bahnunternehmen erhält die Reederei keinerlei Regionalisierungsmittel, keine öffentliche Förderung und es gibt keinen vom Land oder Landkreis bestellten Personenverkehr über das Stettiner Haff

- auch die eigenwirtschaftlichen Versuche der Reederei Peters den Fährverkehr zwischen Ueckermünde und Usedom mit einer häufiger verkehrenden Autofähre zu erweitern, endeten in diesen Tagen mit Ernüchterung: Die bereits im Ueckermünder Stadthafen liegende Autofähre musste verkauft werden, es gab keine Genehmigung für einen Linienverkehr

- hinzu kommen Probleme mit dem Wasserschifffahrtsamt - das Haff verlandet immer mehr, nicht nur die Hafeneinfahrten werden immer problematischer, auch die anderen Fahrrinnen machen Peters Sorgen

 

5. Fahrrad und Infrastruktur

- der bereits seit 1998 geplante Radweg Berlin-Usedom wurde im September 2007 offiziell eröffnet und ist neben den Radfernwegen Oder-Neiße-Radweg, Mecklenburgischer Seen-Radweg und Stettiner Haffrundweg Teil des überregionalen Radwegenetzes in der Region Stettiner Haff

- jedoch anders als im Land Brandenburg gab es in den Landkreisen Uecker-Randow und Vorpommern bis jetzt kaum einen systematischen Ausbau von Radfernwegen entsprechend dem Stand der Technik (Empfehlungen für Radverkehrsanlagen - ERA 95 und neu ab Dezember 2010 die ERA 10) mit einer Mindestbreite (mind. 2,50 Meter Breite), einer ebenen Oberfläche (Asphalt und maschinell zu reinigen), ausreichendem Unterbau (Wurzelkappungen und Wurzeltunnel auch bei Radwegen) ...

- die vorhandenen Radfernwege bestehen aus einer Mischung aus ABM-Radwegen aus den 1990er Jahren (wassergebundene Trampelpfade oder holprige Teer-Sand-Oberflächen), Schotterwegen, DDR-Betonplattenwegen oder straßenbegleitenden Asphalt-Radwegen

- doch selbst in dieser Mischung aus deutlichem Verfall gibt es auch mehrere Abschnitte, auf denen man schlicht im Sand versinkt wie beispielsweise auf dem Radweg Berlin-Usedom zwischen Schmarsow und Pasewalk im Uckertal

- gerade im Uckertal ist dabei gut zu beobachten, dass der fehlende Ausbau der Radfernwege im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns auch nichts mit fehlenden Investitionsmitteln oder etwa Naturschutzfragen zu tun hat: Die neue Autobahn A20 überquert bestens ausgebaut den Radweg Berlin-Usedom südwestlich von Pasewalk, auf dem die Fahrradtouristen an eben jener Stelle im Sand und Dreck versinken

- mit einer kleinen Fahrraddemonstration konnte die Ostseefahrt im September 2007 einen Erfolg an der am stärksten von Kfz befahrenen Landesstraße Mecklenburg-Vorpommerns erreichen: Nach dem Protest von 140 Radfahrern aus Berlin auf dem Weg nach Usedom wurde an der L321 nördlich von Pasewalk zwischen Friedberg und Viereck binnen Jahresfrist ein straßenbegleitender Radweg neu gebaut

- gerade der Radweg Berlin-Usedom ist einer der wichtigsten Quellgebiete für einen nachhaltigen Tourismus in der strukturschwachen Region am Stettiner Haff - etwa 5.000 Fahrradtouristen sind hier pro Monat zwischen April und Oktober unterwegs, so hat alleine das Gut Schmarsow im Jahr 2010 mit 2.300 Übernachtungsgästen einen neuen Rekord aufgestellt - im Jahre 2007 waren es erst gut die Hälfte (1.250), im ersten Jahr 2005 ganze 135 Übernachtungen

- mit Investitionsmitteln aus dem Nationalen Radverkehrsplan, aber auch Haushaltsmitteln des Landes Mecklenburg-Vorpommern und der Landkreise Uecker-Randow und Vorpommern muss nun ein nachhaltiger Ausbau der Fahrradinfrastruktur endlich systematisch und dem Stand der Technik entsprechend erfolgen - bisher werden weniger als ein Prozent der Verkehrsausgaben für den Fahrradverkehr investiert, obwohl der Radverkehrsanteil 13 Prozent beträgt

- ausgebaut werden muss der Uckertal-Radweg (als Radweg Berlin-Usedom - flussnah und autofrei) von Prenzlau kommend vorbei an Schmarsow, Pasewalk und Torgelow nach Ueckermünde, damit der Radweg Berlin-Usedom in diesem Bereich nicht nur trostlos als Notweg direkt an stark befahrenen Landstraßen entlang führt

- der Oder-Neiße-Radweg muss von Gartz und Mescherin kommend tatsächlich als "Oder"-Radweg künftig direkt nach Stettin (nach der Grenzöffnung und der notwendigen Einbindung der polnischen (künftigen) Hauptzielgruppe für das Stettiner Haff) und dann weiter als Stettiner Haffrundweg (wassernah und autofrei) über Ueckermünde nach Anklam ausgebaut werden

 

Hintergrund

- Radweg Berlin-Usedom in Vorpommern und Uecker-Randow zwischen Anklam und Ueckermünde in einer Fotodoku (Text unter der Übersicht) vom 17.11.10 in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen