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Fahrrad-Kiez-Tour:
Mitte Oktober im Test
mit VisitBerlin
vom Industriepalast
in den Wrangelkiez

Fahrrad und Hotel: Berlin für Anfänger quer durch den Kiez

Berlin, 16. Oktober 2013

Berlin ist anders. Und für Touristen immer noch extrem aufregend. Jeden Monat wird hier ein neues Hotel eröffnet. Es sollen inzwischen bereits mehr als in New York sein. Jetzt haben sich 36 Hoteliers zusammengeschlossen und 28 Fahrrad-Kiez-Touren entwickelt. Benno Koch hat sich heute mit Visit Berlin und den Organisatoren auf einer Testrunde getroffen.

Der Industriepalast ist ein typisches Berliner Hotel und Hostel. Das Gebäude aus den Jahren 1906 bis 1907 beherbergte einst unter anderem die Deutsche Gasglühlicht AG, später den VEB Kühlautomat. Heute sind hier 400 Betten in Mehrbett-, Doppel- und Einzelzimmern zu finden. Mit der denkmalgeschützten Fassade als Zeichen alter Industriekultur und modernem Design im Inneren ist das Gebäude selbst eine Sehenswürdigkeit. Doch die Berlin-Touristen wollen mehr. Bereits um zehn Uhr morgens sind gewöhnlich alle Leih-Fahrräder des Hotels ausgebucht. Dann geht es auf Entdeckungstour in den Kiez.

Ulli und Karo vom Industriepalast sind Mitglied in der AG Rad. Seit 2012 hat sich die Arbeitsgemeinschaft als privater Zusammenschluss von 36 Berliner Hoteliers regelmäßig getroffen, um die Wünsche ihrer Gäste besser zu verstehen. Herausgekommen sind 28 Radtouren durch die Berliner Kieze. Als privatwirtschaftliches Projekt ohne öffentliche Fördergelder. Ganz individuell können Touristen nun das Gefühl bekommen, irgendwie dazuzugehören. Also nicht nur die Reichstagskuppel oder den Fernsehturm bezwungen zu haben.

Mit dabei ist Christian Tänzler von VisitBerlin. So nennt sich die Marketinggesellschaft der Bundeshauptstadt seit einigen Jahren, denn der Anteil der ausländischen Touristen steigt stetig. Ganz oben stehen unangefochten die Briten, gefolgt von Niederländern, Franzosen, Spaniern, Italienern, Polen, Russen oder Amerikanern. Auch die Dänen und Schweizer mischen ganz oben mit. Und sie alle eint eines: Einmal im Leben Rad fahren - in Berlin!

In Berlin hat sich der Radverkehrsanteil seit Anfang der 1990er Jahre verdoppelt. Heute werden offiziell mehr als 13 Prozent aller Wege in der Stadt per Rad zurückgelegt. Stadtführungen mit dem Fahrrad sind längst selbstverständlich - auch im dichtesten Verkehr. Größere Unfälle von Rad fahrenden Touristen sind unbekannt.

So ganz traut allerdings die Rechtsabteilung von VisitBerlin dem Frieden noch nicht: "Es wird empfohlen zudem Knie- und Ellenbogenschoner zu tragen", heißt es in den Teilnahmebedingungen für die Kiez-Fahrrad-Test-Tour von VisitBerlin. "Eine Teilnahme ohne Schutzkleidung (Helm) ist nicht gestattet." Versteht sich. Die Straßenverkehrsordnung sieht zwar keinerlei Helmpflicht für Radfahrer vor. Aber man kann ja nie wissen.

Die Realität der Kiez-Radtouren ist entspannt. Niemand muss sich bei VisitBerlin anmelden. Ganz individuell geht es auf den Rundkurs vor dem Hotel. Dazu gibt es druckfrisch an der Rezeption ein Faltblatt für jede Tour mit der Streckengrafik, den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, ein paar allgemeinen Infos und sogar einem kostenlosem Zugang zur Komoot-App. Um sich mit letzterer professionell per Smartphone auf dem Rad durch die Stadt routen zu lassen. VisitBerlin hat alle 28 Kiez-Fahrrad-Touren natürlich auch online gestellt. Wie sollte es anders sein, nicht unter Lifestyle oder Fahrradtourismus, sondern unter "Sportmetropole".

Es ist Nachmittags-Rushhour in Berlin. Zwei Dutzend Testfahrer sind mit leuchtend roten "VisitBerlin"-Windjacken ausgerüstet worden. Als die letzten Radfahrer bei "Rot" an der ersten Ampel korrekt halten, wundern sich die Autofahrer. Das Verkehrsklima der Stadt ist defensiver und fahrradfreundlicher geworden. Auf dem Straßenzug Mühlenstraße-Stralauer Platz sind längst Radspuren markiert worden.

Hier erstreckt sich die East-Side-Gallery, eines der letzten und beliebtesten Fotomotive der Berliner Mauer - bis zum 9. November 1989 auf der Ostseite natürlich schneeweiß. "Einige Touristen denken, es sei die Mauergedenkstätte, aber die ist ja ein paar Kilometer weiter", sagt Ulli. "Und wen küsst da DDR-Staatschef Honecker?" Nein, es ist nicht Gorbatschow. Aber irgendwie waren die Reisen früher so lang, dass sich auch Staatsmänner küssend in den Armen lagen, erfahren wir. In diesem Fall mit Breschnew, nur wenige Jahre vor Gorbatschow und Glasnost.

Dann folgen die Party-Locations an der Spree. Wo war eigentlich die erste Maria, die Bar 25 oder das Berghain? Und gibt es wirklich heimliche Partys in der Verdi-Zentrale? Von der Schillingbrücke hat man den ersten Überblick.

Ein paar Meter weiter ist Urban Gardening rund um ein Baumhaus angesagt. Bereits vor dem Fall der Berliner Mauer hat Osman Kalin hier auf einer Verkehrsinsel begonnen, das Land urbar zu machen. Auf der Westseite der Mauer gelegen, aber eigentlich noch zu Ost-Berlin gehörig, erhielt Kalin sogar vom Zentralkomitee der SED eine Genehmigung für seinen Garten. Eine Sondernutzungsgenehmigung für das Grundstück "Bethaniendamm 0" hat die Grüne Oase nach dem Fall der Mauer bis heute überleben lassen.

Vorbei am Mariannenplatz geht es zum Lausitzer Platz. Hier sind wir wirklich mitten im Kiez. "Im ehemaligen Krankenhaus Bethanien ist mit dem Restaurant ,3 Schwestern' ein echter Insidertipp zu finden", sagt Uli. "Man vergisst völlig, dass man in der Großstadt ist." Allerdings sind wohl die Wege in die Küche recht lang und man müsse Zeit mitbringen. "Unsere Gäste sind ja im Urlaub."

Durch den Görlitzer Park geht es diesmal nicht. Aber natürlich fragen die Hotelgäste gerne danach. "Und wie erklärt man, dass es dort keine Drogen gibt?" Ein schwieriger Balanceakt. "Richtig, dass ihr da nicht durchfahrt", sagt ein Urberliner, der minutenlang interessiert dem schwäbischen Zungenschlag Ullis gefolgt war. Wir sind die guten Touristen.

Auf der Görlitzer Straße holpern wir weiter in den Wrangelkiez. Das Kopfsteinpflaster verursacht erste Schäden, die Pedale eines Leihfahrrades hat die Belastung nicht überlebt. Oder war es eine nicht überprüfte Schraube?

Wir stehen vor einer unauffälligen Moschee ohne Minarett. Durch die Häuserlücke ist der prächtige Turm einer Katholischen Kirche zu sehen. Über einem Imbiss ist eine Wohnung ausgebrannt. Unten quellen die Obst- und Gemüseregale eines Supermarktes über. Das Leben pulsiert. "Hier leben alle Kulturen auf engstem Raum zusammen." Mit dem Fahrrad ist man mittendrin.

Dort gibt es eine alte Markthalle, hier wurde Herr Lehmann gedreht, dort ist ein Veganes Restaurant. Und auf der Oberbaumbrücke gibt es auf der einen Seite oft den perfekten Sonnenuntergang und auf der anderen Seite die neuen Hauptquartiere der Medienkonzerne. So ist die Stadt. Manchmal sogar für Berliner überraschend. Und für Menschen aus aller Welt eine der angesagtesten Metropolen.

"Berlin hat immer dann prosperiert – kulturell und wirtschaftlich –, wenn die Stadt offen war, wenn sie Zuwanderern Freiheit bot und Toleranz ausstrahlte." So wie Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit die Stadt zur 775-Jahrfeier genau vor einem Jahr beschrieb, so bunt ist auch Hotelerie der Stadt. Im neuen Zarenhof. Alex-Roman Balan ist hier der Gastgeber. Der Mann kommt aus der Ukraine und fand, dass es in Berlin irgendwie noch gar kein richtiges russisches Hotel gäbe. Inzwischen gibt es drei Zarenhöfe.

Auch der letzte Zarenhof ist ganz diskret im Kiez integriert: Es gibt Kreuzberger Bügel für die Fahrräder vor der Tür und einen Hof mit weiteren Stellplätzen. Und wenn ein Gast sein teures Fahrrad mit aufs Zimmer nehmen möchte? "Kein Problem!" Im Vorderhaus befinden sich direkt über dem Restaurant Mietwohnungen. "Um die Anwohner möglichst wenig zu stören, haben wir den Lkw für die Hotelwäsche von sieben auf elf Uhr nach hinten geschoben."

Für die Testfahrer von VisitBerlin gibt's dann die gute russische Küche: Borschtsch, Pelmeni und frisch gebackenes Brot. Schöner kann ein Tag in Berlin nicht zu Ende gehen. Und das mit den Holperwegen in den Nebenstraßen und den Knieschützern der ängstlichen Rechtsabteilung üben wir noch.

 

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