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Bahnlinie Berlin-Stettin:
1939 war die
Dampflok schneller als
die Regionalbahn heute -
ungewöhnliches Treffen
im Bahnhof Tantow

Bahnlinie Berlin-Stettin: Ein kleines Amt macht Dampf

Berlin, 19. Oktober 2013

Die letzte fahrplanmäßige Dampflokfahrt soll 1979 stattgefunden haben. Bereits im Jahre 1939 benötigten die Reisezüge zwischen Berlin und Stettin nur 70 Minuten. Heute verbinden ganze acht Triebwagen pro Tag und Richtung die Spree und ihre natürliche Hafenmetropole. Fahrzeit: Zwei Stunden. Mit einer Dampflokfahrt erinnerte das Amt Gartz (Oder) gestern an das 170jährige Jubiläum der Bahnlinie. Benno Koch hat sich das Schauspiel angesehen.

Frank Gotzmann ist ein Kämpfer. Und vor allem ein Macher. Wenn sich niemand um einen Radweg Berlin-Stettin kümmert, beauftragt er ein Konzept, organisiert eine Konferenz und bringt die notwendigen Anhörungen in den beteiligten Verwaltungen auf den Weg. Auch ohne dreijähriges Förderprojekt. Gotzmann ist von Hause aus Jurist und seit drei Jahren Amtsdirektor im kleinen Amt Gartz (Oder). Zukunftsforscher sehen gemeinhin in dieser Region keine Zukunft, sondern das Ende der Welt. Für Frank Gotzmann ist es eher eine Chance und eine Art Speckgürtel. Nur wenige Bahnminuten von der 400.000 Einwohner zählenden Großstadt Stettin entfernt.

Die Idee mit der Dampflok zählt dazu. Muss man wirklich an ein 170jähriges Jubiläum einer Bahnlinie erinnern? Man muss: Innerhalb von nur 30 Minuten waren alle 300 Fahrkarten auf deutscher Seite weg, den 300 Tickets auf polnischer Seite ging es ähnlich. Zur Erinnerung: Der Zug fuhr nicht am Wochenende, sondern an einem Werktag. Insgesamt vier Mal pendelte die Dampflok mit fünf Wagen von Casekow und Tantow über die deutsch-polnische Grenze nach Szczecin (Stettin) und zurück.

Das kleine Amt Gartz (Oder) ist anders als andere Ämter in Brandenburg. Wer hier eine Dienstreise nach Berlin machen muss, muss Bahn fahren. In anderen Ämtern wird man für die Frage nach dem nächsten Bahnhof in der Regel nur fassungslos angeguckt.

Und so kämpft Gartz in der nordöstlichsten Ecke Brandenburgs seit Jahren wenigstens um einen brauchbaren Fahrplan auf der sanierungsbedürftigen Langsamfahrstrecke. Nur acht Regionaltriebwagen pendeln hier pro Tag und Richtung zwischen Berlin und Stettin. Bis auf zwei mit umsteigen in Angermünde. Im Amt Gartz heißt der wichtigste Bahnhof Tantow. Den Berliner Hauptbahnhof erreicht der Zug nie: Dieseltriebwagen müssen hier leider draußen bleiben.

Absichtserklärungen gab es viele. Mal ist es der Stettiner Stadtpräsident Piotr Krzystek, der am Brandenburger Tor eine Berliner Rede hält. So vor zwei Jahren. Natürlich kämpfe der Mann für die Bahn. Und erzählt den Running Gag mit dem Triebwagen aus Stettin, der nicht in die gute Stube Berlins fahren darf.

In Berlin übernimmt diese Rolle vor allem Hans-Werner Franz. Der Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) sieht gerne die Deutsche Bahn (DB AG) in der Pflicht, wenn es um mehr Verkehr zwischen beiden Metropolen geht. Natürlich sind kilometer- und jahrelange Tempo-40-Langsamfahrstellen sowie die fehlende Elektrifizierung auf einer Hauptstrecke (wer redet hier eigentlich immer von eMobility?) eine Blamage vor allem für DB Netz. Also der Konzernsparte, der für jeden Kilometer Fahrt auf den maroden Gleisen Geld verlangt und erhält. Über die Bahnhofsruinen, einst in der Obhut von DB Station&Service, muss man inzwischen gar nichts mehr sagen.

Doch ausgerechnet der VBB selbst ist der Besteller des Regionalverkehrs zwischen Berlin und Stettin. Und der ist einer Metropolregion unwürdig. Mal kommt der erste Zug erst um zehn Uhr in Stettin an. Und immer fährt der letzte Zug bereits vor 20 Uhr Richtung Berlin ab. Einen echten Taktfahrplan gibt es nicht. Drei Stunden Pause zwischendurch müssen ja schließlich auch mal sein. Einen richtigen Früh- und einen richtigen Spätzug gibt es sowieso nicht. Das so kaum ein Anschluss in Stettin passen kann, ist ein offenes Geheimnis unter Bahnfahrgästen. Für den VBB anscheinend immer wieder eine Überraschung.

Vollkommen überraschend kommen auch Großveranstaltungen. Die Tall Ships Race 2013 im Stettiner Hafen standen mit mehr als einer Million Besuchern leider nicht auf der Liste und im Fahrplan. Den Taktverkehr zu verdichten oder die Züge zu verlängern ginge dann aber irgendwie auch nicht. Schon gar nicht so schnell und eigentlich überhaupt nicht.

"Wir hätten auf den Strecken deutlich mehr Kapazitäten frei, allerdings liegen uns dafür keine Bestellungen vor", sagt Arvid Kämmerer im Interview mit der Kundenzeitung Punkt3. "Das Trassenangebot Berlin-Stettin etwa mit täglich zwei durchgehenden Zügen und sechs Mal ab Angermünde könnten wir sogar verdoppeln." Kämmerer ist "Beauftragter des DB Netz Vorstandes für die Zusammenarbeit mit dem polnischen Infrastrukturbetreiber PKP PLK". Na also.

 

Hintergrund

  • Fotos der Sonderfahrt einer Dampflok auf der Bahnlinie Berlin-Stettin in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

  • Der Autor Benno Koch fährt seit 2006 regelmäßig nach Polen. Oft mit der Bahn von Berlin nach Stettin, in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 30 Mal. Inzwischen hat er ein Semester Polnisch hinter sich gebracht. Und Land und Leute kennen und lieben gelernt. Natürlich auch die vielen neuen Restaurants. Nicht nur Dorotas Gartencafé in Wielotów oder das Ramses in Słońsk. Auch die vielen neuen und alten SPA-Hotels wie das Interferie Swinemünde, natürlich das Amber Baltic in Misdroy, das Marine Hotel in Kolberg, das Lidia SPA in Darłowo oder das Bryza SPA Resort auf Hel standen auf der Liste.

    Unter anderem hat Benno Koch als ehemaliger Fahrradbeautragter Berlins und Fahrradexperte das Konzept für den Radweg Berlin-Stettin entwickelt, die Stadt Stettin beraten, sich mit dem Fahrradbeauftragten in Warschau ausgetauscht, die Fahrradmitnahme im Berlin-Warschau-Express angeregt und mit einer Pressefahrt eröffnet sowie mehrfach Veranstaltungen für Fahrradtouristen von Berlin nach Polen organisiert. So auf dem Oder-Neiße-Radweg nach Stettin, auf dem neuen Radweg der alten Kolberger Kleinbahn südlich von Kolberg (Kolobrzeg), auf dem Weichsel-Radweg von Thorn nach Danzig (Gdansk) und Zoppot (Sopot), natürlich durch den Nationalpark Warthemündung oder zuletzt durch die Pommersche Seenplatte nach Kolberg.

    Im Winter 2012/13 stand übrigens die gesamte polnische Ostseeküste zwischen Swinemünde und Danzig auf dem Plan - in Wochenendabschnitten von 30 bis 50 Kilometern zu Fuß. Zu zweit und sonst in völliger Einsamkeit. So viel sei verraten: Ein Traum! Und vielleicht gibt's dazu mal ein Buch.