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Fahrradmitnahme im
Berlin-Warschau-Express

Go East: Abenteuer im Berlin-Warschau-Express

Warschau, 1. November 2008

Die wahre Geschichte eines ungewöhnlichen Staatsgeheimnisses

Die Radfahrer-Hotline der Bahn war sich noch am Vortag sicher: "Nein, im Berlin-Warschau-Express können sie kein Fahrrad mitnehmen." Bereits ein paar Wochen zuvor die gleiche Antwort: "Aufgrund von Bauarbeiten an der Eisenbahnbrücke bei Frankfurt Oder kann der Fahrradwaggon nicht mitgeführt werden", erklärt mir die Teamleiterin der Bahn-Hotline.

An einem wunderbaren Herbstmorgen kämpft sich die Sonne durch den Dunst über den Oderwiesen

Es ist ein wunderbarer Herbstmorgen. Pünktlich zum Sonnenaufgang verlässt der Zug den Bahnhof Berlin-Lichtenberg Richtung Osten. Wenig später kämpft sich die Sonne erstmals seit Tagen durch den Dunst über den Oderwiesen. Ich sitze im Berlin-Warschau-Express. Von den acht Fahrradstellplätzen ist einer belegt. "Ich kann ihnen aber keine internationale Fahrradkarte verkaufen, nur eine Fahrkarte bis zur Grenze und auch nicht den Globalpreis", sagt der freundliche Zugbegleiter. "Macht 35 Euro und 50 Cent." Von Berlin zur Oder sind es vielleicht 75 Kilometer, ein gutes Zehntel der Gesamtstrecke nach Warschau. Aber hier wurden heute 71 Prozent des eigentlichen Gesamtpreises fällig. Der Globalpreis von Berlin nach Warschau würde 39,00 Euro für eine Person – mit BahnCard sogar nur 29,00 Euro – und 10 Euro für die internationale Fahrradkarte betragen.

"Sag mal, hast Du hier schon mal ein Fahrrad gesehen?" 

Jetzt kommt ein zweiter Zugbegleiter hinzu: "Sag mal, hast du schon hier schon mal ein Fahrrad gesehen? Bei mir ist es das erste Mal und ich fahre die Strecke schon längere Zeit fast täglich." Man ist sich nicht ganz sicher, vielleicht gab es schon mal ein Fahrrad im Zug. Aber dann hat ein anderer Kollege dessen Ticket kontrolliert. Die beiden sind gut gelaunt und der Zug ist fast leer. In meinem Waggon verlieren sich sieben Fahrgäste. Der Anteil der Passagiere mit Fahrrad beträgt in meinem Umfeld also erstaunliche 14 Prozent – nur für die Statistiker unter uns. Jetzt will ich es noch einmal wissen: "Die Radfahrer-Hotline wollte mir gestern keine Fahrradkarte reservieren, da es in deren Computer gar keinen Fahrradwaggon gibt. Das Reisezentrum in Lichtenberg macht erst zwei Minuten nach Abfahrt des Zuges auf und so ist eine Nachfrage oder ein Ticketkauf also unmöglich. Wie und wo soll ich denn vor Abfahrt des Zuges eine internationale Fahrradkarte und ein Globalpreisticket kaufen?" Vielleicht akzeptiere ja der polnische Schaffner mein deutsches Ticket für die gesamte Strecke, zwinkert mir mein deutscher Zugbegleiter zu. Nein, macht sie leider nicht. Sie ist jung und ihr Unternehmen braucht das Geld – 28 Euro für die polnische Strecke.

Grenzüberschreitende Fahrradmitnahme nach Warschau ist hart erkämpfter Erfolg

Als die Mitnahme von Fahrrädern im Berlin-Warschau-Express zum Fahrplanwechsel Ende 2006 erstmals offiziell erlaubt wurde, war dies ein hart erkämpfter Erfolg. Zur Eröffnungsfahrt am 10. Dezember 2006 trafen sich die Fahrradbeauftragten aus Berlin und Warschau nach einer Testfahrt in der polnischen Hauptstadt. Fünf Jahre war darum gerungen worden und schließlich war es nicht die Deutsche Bahn, sondern die polnische Staatsbahn PKP, die jeweils einen ihrer Waggons mit kleinen Fahrradabteilen umgerüstet hat. Bis jetzt ist der Zug einer der wenigen grenzüberschreitenden DB-Fernzüge, in denen Fahrräder mitgenommen werden dürfen. Von Berlin nach Kopenhagen ist es im seit wenigen Monaten verkehrenden Diesel-ICE ausdrücklich verboten, der Neige-ICE von Stuttgart nach Zürich wurde 2002 kurzer Hand wieder für Fahrräder gesperrt, die Fahrradbügel ausgebaut. Und zum erstmals seit April 2008 zwischen Brüssel und London samt Fahrradmitnahme verkehrenden Eurostar kommt man von Berlin nur mit dem Nachtzug.

Es ist immer ein Fahrradwaggon für acht Fahrräder zwischen Berlin und Warschau unterwegs 

Und so blieb die Fahrradmitnahme im Berlin-Warschau-Express bei der Deutschen Bahn auch bis zum Sommer 2008 irgendwie eine Art Staatsgeheimnis – in der frisch aktualisierten DB-Broschüre Bahn&Bike gab es den Zug gar nicht – steht dort noch immer "keine Reservierung möglich" (in der pdf-Datei auf Seite 64), obwohl diese im Zug ausdrücklich verlangt wird. Auch jetzt wird das Angebot in der Fahrplanauskunft wieder verschwiegen: "Ist denn der Fahrradwaggon in den letzten Wochen einmal nicht gefahren?", will ich von meinem freundlichen Zugbegleiter wissen. Nein, es seien immer die gleichen Waggons, dabei, auch der für Fahrräder. Auch die PKP in Berlin bestätigt das Angebot auf Nachfrage.

Keine Fluggesellschaft diskutiert darüber, ob das Fahrrad im Flieger mitgenommen werden darf - es darf einfach, wenn der Kunde es will

Wieder scheint die Sonne über die sanften Hügel entlang der Strecke auf dem jetzt polnischen Abschnitt. Fast acht Stunden dauert die Bahnfahrt aufgrund der Bauarbeiten, sonst sind es sechs. Und wieder einmal frage ich mich, warum ich nicht in den Billigflieger gestiegen bin, wie es wohl die meisten Radfahrer auf langen Strecken wie diesen tun würden. Über den Wolken scheint die Sonne immer, die Flugzeit ist in Mitteleuropa meist kürzer als 90 Minuten und billiger ist es – dank EasyJet – sowieso. Und keine Fluggesellschaft diskutiert darüber, ob das Fahrrad im Flieger mitgenommen werden darf. Es darf – schließlich ist man ja Kunde und der war doch gleich, na sie wissen schon ...

Hintergrund Berlin-Warschau-Express

- in der Bildergalerie www.benno-koch.de

- Übersicht Berlin-Warschau-Express unter www.bahn.de

- DB-Broschüre Bahn&Bike unter www.bahn.de 

- DB-Radfahrer-Hotline (Information und Buchung) unter 01805/151415 (0,14 Euro/Min) oder www.bahn.de