Mehr Fahrraddiebstähle in BerlinBerlin, 7. Januar 2009 Nach einer vorläufigen Bilanz wurden im vergangenen Jahr 15 Prozent mehr Fahrräder gestohlen Mit einer ungewöhnlichen Weihnachtsbotschaft hat Polizeipräsident Dieter Glietsch die Berliner am ersten Weihnachtsfeiertag überrascht: "Wir haben einen Anstieg der Fahrraddiebstähle, der bei rund 15 Prozent liegen wird." Im Jahr 2008 wurden in Berlin mehr als 23.000 Fahrräder als gestohlen gemeldet Ungewöhnlich ist diese Meldung vor allem deshalb, weil die Kriminalitätsstatistik gewöhnlicherweise erst Anfang März eines jeden Jahres offiziell vorgestellt werden. Mit 20.246 polizeilich erfassten Fällen war der Fahrraddiebstahl bereits im Jahr 2007 das größte Einzeldelikt in der Berliner Kriminalitätsstatistik. Sollten sich die vorläufigen Zahlen bestätigen, wären 2008 rund 3.000 Fahrräder mehr gestohlen worden. Fahrraddiebstahl fast fünf Mal so häufig wie Autoklau ... "Die Aufklärung von Fahrraddiebstählen steht in Berlin ganz am Anfang", sagt Benno Koch, Berlins Fahrradbeauftragter. "Mit nur 5,1 Prozent an aufgeklärten Fällen ist die Polizei in diesem Bereich praktisch ahnungslos." ... aber Fahrraddiebstahl sei ein ,absolutes Gurkendelikt' Die Wut der bestohlenen Berliner über die offensichtliche "Diskriminierung bei der Deliktbearbeitung" ist groß: "Aufgrund eines Fahrraddiebstahl hatte ich Anzeige bei der Polizei erhoben und musste feststellen, dass trotz mehrer Hinweise überhaupt nicht ermittelt wurde. Im Gegenteil wurde mir mitgeteilt, dass es sich hierbei um ein ,absolutes Gurkendelikt' handelt", lautet eine von vielen Beschwerden. Im Vergleich dazu ist die Zahl der in Berlin gestohlenen Pkw mit 5.102 Fällen eher bescheiden - die Zahl hat sich innerhalb von zehn Jahren von damals 13.409 Fällen bis heute mehr als halbiert, die Aufklärungsquote liegt fast dreimal so hoch. Grund für den starken Rückgang: Die ständige technische Modifizierung der Wegfahrsperre von Kraftfahrzeugen. Diebstahlhäufungspunkte benennen, mehr sichere Fahrradbügel aufstellen und wenigstens gelegentlich Kontrollen durchführen Anfang August 2008 hat sich der Fahrradbeauftragte mit der Bitte an den Polizeipräsidenten gewandt, eine polizeiliche Strategie zur Verringerung von Fahrraddiebstählen zu entwickeln. Inzwischen wurde vereinbart, eine Liste von Diebstahlhäufungspunkten zu erstellen und diese Orte ähnlich wie die Unfallhäufungspunkte systematisch zu überprüfen. "Ziel muss es sein, dass sichere Fahrradbügel zum Anschließen des Fahrradrahmens in angemessener Zahl im gesamten Stadtgebiet genauso selbstverständlich werden wie Wegfahrsperren für Pkw", so Koch. "Allerdings ist auch ein Mindestmaß an polizeilicher Ermittlungsarbeit erforderlich. Ein Anwohner eines Bahnhofs beschwerte sich bei mir über die geknackten Fahrradschlösser, die fast täglich über seinen Zaun fliegen - er konnte mir sogar die genauen Diebstahlzeiten nennen." Die Top 5 der beliebtesten Fahrraddiebstahlorte sind Bahnhöfe ... Unter den Top 5 der beliebtesten Fahrraddiebstahlorte in Berlin liegen ausschließlich Bahnhöfe. Anstatt das Problem zu lösen, tut die Bahn zurzeit offenbar einiges, um das Problem zu verschärfen. Besonders ärgerlich ist der aktuelle Umgang der zuständigen DB Station&Service mit ihren Rad fahrenden Kunden. ... aber die zuständige DB Station&Service mag Rad fahrende Kunden irgendwie noch immer nicht ... So wurden Ende Oktober 2008 am besonders betroffenen Bahnhof Gesundbrunnen - sichere Fahrradstellplätze sind hier nicht vorhanden - die einzig vorhandenen Anschließmöglichkeiten an den Handläufen einer sechs Meter breiten Bahnhofsbrücke abmontiert und die Fahrräder entfernt. Aus "Sicherheitsgründen" übrigens - dass der Durchgang fast drei Mal so breit ist wie mancher benutzungspflichtiger Geh- und Radweg spielt hier keine Rolle. ... auch wenn die Bahnkunden das Problem gerne kurzfristig "im Interesse aller Beteiligten" lösen möchten Im S- und Regionalbahnhof Lichterfelde Ost ist das Bild ähnlich - die ursprünglich im Bahnhofstunnel befindlichen Fahrradbügel wurden 2006 im Zuge von Bauarbeiten reduziert und im Sommer 2008 weitere Bügel ersatzlos demontiert. Für mehr als 200 Rad fahrende S-Bahnkunden stehen an diesem Bahnhof nun weniger als 100 sichere Abstellmöglichkeiten zur Verfügung. Auch hier ist der Ärger der Bahnkunden groß: "Am 17. November 2008 wurde mein fünf Monate altes Fahrrad schließlich am Bahnhof Lichterfelde Ost gestohlen. Jeden Morgen gibt es Gerangel um die wenigen sicheren Abstellmöglichkeiten, wer nach 07.30 Uhr kommt, hat keine realistische Chance mehr, sein Fahrrad sicher anzuschließen. Ich bitte Sie, dafür zu sorgen, dass dieses Problem kurzfristig im Interesse aller Beteiligten gelöst wird", schreibt der Geschäftsführer eines Unternehmens aus Berlin-Mitte. "Tatsächlich ist das Aufstellen von sicheren Fahrradbügeln an Bahnhöfen völlig ungeklärt", so Koch. "Allerdings ist es schon merkwürdig, wie wenig Interesse die zuständige DB Station&Service an ihren Rad fahrenden Kunden hat, auch wenn wie am Gesundbrunnen riesige Flächen problemlos zum sicheren Fahrradparken nutzbar wären." Die größten Problem-Bahnhöfe - der Zwischenstand im Einzelnen Beim Anklicken der einzelnen Bahnhofsnamen können die jeweiligen Fotos oder der Gesamtüberblick weiterer Bahnhöfe in der Bildergalerie www.benno-koch.de angesehen werden. Die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum Januar bis August 2008:
|
