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Radweg Berlin-Leipzig:
Auch im Jahre 2011
noch immer keine Spur
vom Mindeststandard eines
Radfernweges

Radweg Berlin-Leipzig – auf der Suche nach einem Phantom

Berlin, 26. Januar 2009 [zuletzt aktualisiert 29.07.11, 15:44 Uhr]

Ende April 2006 wurde ein Radfernweg offiziell eröffnet, der bis heute vor allem eines zeigt – wie man es nicht machen sollte

Was ist eigentlich ein touristischer Radfernweg? Erstens sollte der Weg autoarm, landschaftlich reizvoll und qualitativ nicht schlechter sein als das, was man von jeder Kreisstraße erwartet - zum Beispiel drei Meter breit, asphaltiert und auch noch nach drei Jahren ohne Wurzelaufbrüche.

Zweitens sollte der Radfernweg eine Fahrradwegweisung haben, die eindeutig und kilometergenau den nächsten Ort, aber auch das nächste übergeordnete Ziel zeigt - und das zusammen mit einer eindeutigen Wegbezeichnung vor jeder Kreuzung und an jedem Abzweig.

Und drittens ist ein gewisses Marketing und die eine oder andere Pressemitteilung notwendig, um das neue Angebot bekannt zu machen - und vor allem das gewünschte Ziel zu erreichen, nämlich Fahrradtouristen in die Region zu holen und so den einen oder anderen Arbeitsplatz in den Hotels und Restaurants zu erhalten oder sogar neu zu schaffen.

Beim Radweg Berlin-Leipzig wurde scheinbar alles falsch gemacht - auch weil die Förderbedingungen für überregionale Radwege nicht mehr zeitgemäß sind

Man stelle sich vor, der Bundesverkehrsminister eröffnet eine Autobahn: Wegweiser gibt es noch nicht, aber die zuerst gebauten Straßenabschnitte fallen schon wieder zusammen. Natürlich gibt es Finanzmittel nur für Neuinvestitionen - nach der Eröffnung ist das jeweils nächste Dorf für die Instandhaltung zuständig. Autobahnen dürfen auch nur straßenbegleitend an alten Poststraßen gebaut werden - so wie Radwege an Bundesstraßen - weil es schon immer so war. Die Breite der Autobahn variiert zudem ständig - Lkw-Fahrer können ja langsam fahren und auch mal die Spiegel einklappen, falls es eng wird. Einige Abschnitte gibt es noch gar nicht, andere führen über gefaste rote Betonverbundsteine - "weil die irgendwie besser aussehen und man die Fahrbahn bei Bedarf schneller mal aufbuddeln kann". Einen Winterdienst gibt es nicht und auch sonst ist ein Reinigungsplan unklar oder einfach nicht vorhanden - so und so ähnlich sieht es natürlich auf keiner Autobahn aus. Aber entlang des Radweges Berlin-Leipzig kommt es auf den ersten 80 Kilometern zwischen Berlin und Jüterbog noch schlimmer ...

Die Idee und die Chronologie des Radweges Berlin-Leipzig

Der Legende nach soll der Radweg Berlin-Leipzig eine Rolle bei der Olympiabewerbung der Stadt Leipzig gespielt haben. Auch die Initiatoren des im August 2002 eröffneten Fläming-Skate - auf halber Strecke zwischen Berlin und Leipzig gelegen und jetzt Teil des Radweges Berlin-Leipzig - suchten nach Möglichkeiten, mehr Fahrradtouristen aus der nur 50 Kilometer entfernten Bundeshauptstadt in den Fläming zu holen.

Der Fläming-Skate - eigentlich ein Netz aus Fahrradstraßen, welches auch mehrheitlich von Fahrradtouristen genutzt wird - ist ein touristischer Leuchtturm Brandenburgs. Mit Investitionen von rund 18 Millionen Euro sind hier inzwischen mehr als 200 Kilometer lange Rundkurse und Zubringerstrecken entstanden. Jede Ortsumgehungsstraße - zuletzt in Küstrin-Kietz für nur 4,2 Kilometer immerhin 24 Millionen Euro - ist pro Kilometer mehr als 50 Mal teurer. Ein Förderantrag für den Ausbau und eine Anbindung des Fläming-Skate an Berlin wurde jedoch abgelehnt - der Ausbau des touristischen Radwegenetzes in Brandenburg sei abgeschlossen ...

Als am 1. Mai 2006 der Radweg Berlin-Leipzig im Berliner Olympiastadion offiziell eröffnet wurde, gab es ein entscheidendes Problem - es gab keinen Radweg, keine Wegweisung, keine Website, keine Fahrradkarte ... So richtig gefragt wurde das Land Berlin irgendwie auch nicht - jedenfalls gab es in der Bundeshauptstadt noch nicht einmal eine mögliche Strecke. Letztere gab es aber inzwischen in Brandenburg - Zentimeter kleine Aufkleber sollten einen Radweg an der Bundesstraße B96 zwischen der Berliner Stadtgrenze und Zossen symbolisieren. Und es gab eine Pressemitteilung - und viele Fahrradtouristen, die seitdem verzweifelt auf der Suche nach einem Radweg Berlin-Leipzig sind ...

Fast drei Jahre nach der offiziellen Eröffnung des Radweges Berlin-Leipzig auf Spurensuche zwischen Berlin und Jüterbog

Seit 2008 ist auf der offiziellen Website www.radweg-berlin-leipzig.de endlich Leben eingezogen - die Grundinformationen über die Strecke sind vorhanden. Es ist Ende Januar 2009 und schönstes Fahrradwetter - also los! In der S-Bahn träume ich schon von einsamen Fahrradstraßen wie die der Radwege Berlin-Kopenhagen, Berlin-Usedom oder des Europaradweges R1 - doch es kommt anders ...

Vom S-Bahnhof Marienfelde geht es mit dem Rad über die Bundesstraße 101 zum Stadtrand wo der Berliner Mauerweg zugleich den derzeitigen Beginn des Radweges Berlin-Leipzig bilden soll. Auf acht Kilometern geht es ostwärts schon durch Brandenburg zur Bundesstraße 96 - autofrei und schön, aber ohne Hinweis auf einen Radweg nach Leipzig. Doch hier am Roten Dudel ist mit etwas Glück der erste Aufkleber mit dem Logo Berlin-Leipzig zu finden - für richtige Schilder wie später in Lutherstadt Wittenberg hat es auf dem gesamten Brandenburger Abschnitt noch nicht gereicht.

Will man wirklich Fahrradurlaub an einer Bundesstraße machen?

Der straßenbegleitende Radweg entlang der Bundesstraße 96 ist inzwischen auf den etwa vier Kilometern bis Glasow fertiggestellt - die B96 ist hier kreuzungsfrei wie eine Autobahn ausgebaut. Aber will man Fahrradurlaub wirklich da machen, wo andere nur möglichst schnell weg wollen?

Die alte B96 führt nun mit weniger Autoverkehr und ohne Radweg zwei Kilometer weiter nach Dahlewitz, um auf einem dort beginnenden straßenbegleitenden Radweg entlang der neuen B96 den Autobahnring zu überqueren. Von Dahlewitz über Rangsdorf nach Groß Machnow wird es auf einem straßenbegleitenden Radweg schon fast beschaulich, wenn man die Leitplanken der B96 einfach ausblendet. Hinter dem schönen Dorfensemble geht's auf einem Asphaltstreifen neben der Bundesstraße wunderbar durch das Abendrot nach Dabendorf und weiter zum Ortseingang nach Zossen. Hier wurde ein schmaler holpriger Gehweg zum Radweg erklärt, bevor der Bahnhof Zossen erreicht wird.

Das ganze Dilemma - Radwege aus Bundesmitteln dürfen nur unmittelbar an Bundesstraßen gebaut werden ...

Für nicht wenige Fahrradtouristen wird der erste fast 30 Kilometer lange Abschnitt zwischen Berlin und Zossen schon eine ganze Tagesetappe darstellen. Und es ist der entscheidende Abschnitt, um die Berliner Tagestouristen nach Brandenburg zu locken und ihnen Lust auf den Radweg Berlin-Leipzig zu machen. Obwohl die vorhandenen Radwegabschnitte hier meist neu und sehr gut befahrbar sind, wird das ganze Dilemma der Förderpolitik sichtbar - Radwege aus Bundesmitteln dürfen nur unmittelbar an Bundesstraßen gebaut werden, auch wenn ein Wald- oder Feldweg ein paar Kilometer entfernt ruhiger, schöner und für den Fahrradverkehr sinnvoller ist.

Radfahren auch anders - von der Militäreisenbahn zur Draisinenstrecke ...

Hinter Zossen verlässt Radweg Berlin-Leipzig die B96 endgültig nach rechts auf der Luckenwalder Straße, falls man den winzigen Aufkleber nicht übersieht. Wieder auf einem Radweg parallel zur Landstraße geht es landschaftlich immer beschaulicher zum Mellensee. Am ehemaligen Bahnhof des Ortes wird die heutige 40 Kilometer lange Draisinenstrecke der Erlebnisbahn Zossen-Jüterbog zum ersten Mal gekreuzt. Die einstige Königlich Preußische Militäreisenbahn war 120 Jahre bis 1998 zwischen dem Militärflughafen und den Schieß- und Truppenübungsplätzen in Sperenberg, Kummersdorf und Jüterbog unterwegs. Am 28. Oktober 1903 wurde auf der Strecke aber auch zivile Weltgeschichte geschrieben - mit 210,2 km/h erreichte hier ein AEG-Schnelltriebwagen den Geschwindigkeitsweltrekord aller damaligen Verkehrsmittel. Mit dem Abzug der GUS-Truppen 1994 wurde die Strecke entbehrlich, der Zugverkehr 1998 eingestellt - und seit 2003 als Touristenattraktion wiederbelebt.

Kein ausreichender Unterbau, keine Wurzelkappung - neue Radwege zerfallen im Zeitraffer

Hinter Mellensee geht es über Rehagen durch ausgedehnte Waldgebiete nach Sperenberg. Mächtige Lager einstiger Eisenbahnbrücken oder der einstige Bahnhof Sperenberg erinnern an die Bahngeschichte. Die Landstraßen sind wenig befahren, die fast durchgängigen und gar nicht so alten straßenbegleitenden Radwege sind in einem erbärmlichen Zustand. Bei deren Bau wurde hier wie auch auf dem anschließenden Radweg nach Kummersdorf Gut auf einen ausreichenden Unterbau und Wurzelkappung oder -tunnel verzichtet.

Am Ende des Radweges wird es scheinbar noch wildromantischer - die Backsteinkasernen der einstigen Heeresversuchsanstalt der Wehrmacht und die Plattenbauten der sowjetischen Streitkräfte lassen in Kummersdorf Gut die Schatten der Vergangenheit erahnen und das unfassbare Glück, die Szenerie heute so friedlich wie nie zuvor erleben zu können.

Fläming-Skate - zwischen perfekten Fahrradstraßen und Sanierungsfällen

In Stülpe wird nach insgesamt 55 Kilometer ab Berlin-Marienfelde der Fläming-Skate erreicht. Auf dem Rundkurs RK1 geht es über Hohlbeck, Jänickendorf, Kolzenburg, Neuhof und Werder nach Jüterbog. Die Fahrradstraßen sind hier meist drei Meter breit und sehr gut befahrbar - und zu meinem Entsetzen nach rund sechs Jahren auf vielen Abschnitten dennoch schon Sanierungsfälle. Um sich von anderen Radfernwegen zu unterscheiden, wurde der Fläming-Skate mit einer nach wie vor gewöhnungsbedürftigen Wegweisung ausgestattet - Angaben wie zum Radweg Berlin-Leipzig oder zur Tour Brandenburg sind meist nur auf den zweiten Blick erkennbar und übergeordnete Ziele fehlen.

1.000-jähriges Jüterbog entdecken

Ein echtes Zwischenziel auf dem Radweg Berlin-Leipzig ist das 1.000-jährige Jüterbog, das nach rund 80 Kilometern ab der Berliner Stadtgrenze erreicht ist. Mit seinen Stadttoren, dem vielleicht schönsten Rathaus Brandenburgs oder der Nikolaikirche ist die Stadt mit ihrem sanierten historischen Stadtkern wieder zu einer architektonischen Augenweide geworden.

Und gleich am Markt sind einige gute Cafés und Restaurants zu finden - zum Beispiel das Kaffeehaus und Weinkontor Kleine Försterei mit leckerem hausgebackenem Kuchen oder frischer Pasta in einem entspannten Ambiente aus Antiquitäten und Wohnzimmer-Atmosphäre. Und wer die Romantik-Atmosphäre noch ein bisschen länger genießen möchte, kann diese kurz vor Jüterbog am Kloster Zinna im Romantik Hotel Alte Försterei direkt am Radweg Berlin-Leipzig für eine ganze Nacht haben.

Und am Radweg arbeiten wir noch - Fortsetzung folgt ...

 

Hintergrund Radweg Berlin-Leipzig