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1.000 Fahrradpolizisten
auf Londoner StraƟen

Medien: Einmal lustig machen auf Seite Eins

Berlin, 16. November 2009

Wann schafft es das Thema Rad fahren auf die Titelseiten? Also nicht das Randthema Sport zwischen Euphorie und Doping. Sondern schlicht als Fahrradverkehr im Alltag? Aktuell zum Beispiel, wenn die britische Polizei sich angeblich blamiert.

In ihrer Wochenendausgabe (14./15.11.09) hat sich die Berliner Zeitung auf der Titelseite über einen Leitfaden für britische Fahrradpolizisten lustig gemacht. Sie berichtete von einem "noch nie im Ernstfall erprobten Transportmittel", mit dem sich deren Fahrer in "urbane Risikozonen vorwagen" - und rät dabei zu "enormer Vorsicht".

Selbst die Berliner Zeitung wagt sich selten das Thema Fahrradverkehr - und schon gar nicht im Winterhalbjahr - auf der Seite Eins zu platzieren. Auch wenn sie für ihre fahrradfreundliche Berichterstattung schon einmal mit der Auszeichnung Fahrradstadt Berlin geehrt wurde.

Doch diesmal war das 93-seitige Handbuch zum Radfahren für Londoner Polizisten auch anderen Medien - offenbar aus der gleichen Quelle - eine Glosse wert.

The Sun: Das bekloppte Fahrradbuch für Polizisten

Die ungenannte Quelle The Sun titelte am letzten Donnerstag: The bonkers bike book for bobbies - also etwa "das bekloppte Fahrradbuch für ebenso bekloppte Polizisten". Mindestens 167 Zeitungen, Blogs, die BBC und eben jene Berliner Zeitung reihen sich in den lustigen Reigen ein. Ist es wirklich so wie es scheint? Benno Koch hat mal in London nachgefragt ...

1990: Briten fuhren praktisch nie Rad

Jahrelang schienen auf den britischen Inseln nur Monty Python und ein paar deutsche Reiseradler mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Die erste Londoner Fahrradschule behauptete, ein Drittel der Frauen und zehn Prozent der Männer könnten gar nicht Rad fahren. Wer sich 1990 die tatsächliche Fahrradnutzung in London ansah ahnte, es waren wohl weitaus mehr Ahnungslose.

London: Fahrradschulen auch für Erwachsene erleben großen Aufschwung

Ein paar Jahre später kamen Non-Profit-Organisationen wie STAbikes hinzu, die mit großem Erfolg ein Fahrradtraining im Fahrradentwicklungsland Großbritannien aufbauten. Irgendwann kam die Zeit das Angebot auf ganz London auszudehnen - mit Cycle Training UK.

Mit den National Standards for Cycle Training wurden die Anfänge von Patric Field's London School of Cycling schließlich gekrönt und ein landesweit einheitlicher Rahmen für die Fahrradausbildung erreicht.

Großbritannien: Fahrradausbildung für Kinder machte diesen früher vor allem Angst vorm Rad fahren

"Der Hintergrund dieser Auffassung des Radfahrens liegt in der Arbeit von John Forester's Effective Cycling begründet", sagt Oliver Schick. Der Mann ist im Vorstand des Londoner Fahrradclubs LCC für Kampagnen zuständig. Die frühere Fahrradausbildung für Kinder in Großbritannien habe diesen vor allem Angst vorm Rad fahren gemacht und vermeintliche Gefahren in den Vordergrund gestellt. Im Ergebnis fuhr fast niemand mehr Rad.

Das so umstrittene 93-seitige Handbuch für Londoner Fahrradpolizisten hat auch er nicht. Wie vermutlich - außer vielleicht der Sun - auch die meisten Journalisten nicht.

LCC: Hätte jemand ein Handbuch zum Autofahren rausgebracht, gäbe es nicht mal eine Kurzmeldung

Wichtig für den LCC ist jedoch, dass das Rad fahren in London ein ganz normaler Teil des Straßenverkehrs ist: "Hätte jemand ein Handbuch zum sicheren Autofahren für Polizisten veröffentlicht, wäre daraus wahrscheinlich nicht einmal eine Kurzmeldung geworden. Und jetzt denken die meisten: Rad fahren kann doch jedes Kind, wozu braucht man da noch ein Handbuch?"

Pressekodex: Unbeeinflusst von persönlichen Interessen gleichberechtigt über Fahrradverkehr berichten

Ungefähr an dieser Stelle hätte der Deutsche Pressekodex greifen können - anstatt einfach lustige Versatzstücke der Sun weiterzuverbreiten. So heißt es im Kodex schlicht: "Recherche ist ein unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt" und man solle "unbeeinflusst von persönlichen Interessen" sein. Kann der Autor sich überhaupt vorstellen im Alltag einer Millionenmetropole Rad zu fahren?

London: Bürgernahe Polizeiarbeit - 1.000 Fahrradpolizisten unterwegs

"In London gibt es in jedem Ward mindestens einen Fahrradpolizisten", sagt Schick. Wards - analog der Londoner Wahlbezirke - sind Teil der bürgernahen Polizeiarbeit und einer lokalen Sicherheitsstrategie der britischen Hauptstadt.

Berlin: Null Fahrradpolizisten im täglichen Einsatz

"Mein Police Officer in Hackney sagt mir, er sei nie dichter und effektiver an den Londonern gewesen, als jetzt mit dem Fahrrad", so Schick. "In London gibt es nach meiner Einschätzung bis zu 1.000 Fahrradpolizisten im täglichen Einsatz." In Berlin sind es Null. Muss sowas in der Berliner Zeitung stehen - während man sich über Londoner Fahrradpolizisten lustig macht?

Verkehrsminister: 90 Prozent der städtischen Autofahrten in der typischen Fahrraddistanz

"90 Prozent der Autofahrten in der Stadt haben eine Länge von weniger als sechs Kilometer", sagte der damalige Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) vor gut einem Jahr der Frankfurter Rundschau. Eigentlich die typische Fahrraddistanz. Gemessen daran fährt praktisch niemand Rad - in Berlin sind es aktuell gerade mal 13 Prozent. Doppelt so viele wie Anfang der 1990er Jahre - immerhin ein kleiner Erfolg.

Berlin: Zehn Jahre alte Verkehrsregeln oft auch der Polizei unbekannt

Doch warum nutzen so wenige das Fahrrad - wenn es angeblich so kinderleicht ist? Wäre vielleicht ein Handbuch für Polizisten auch in Berlin sinnvoll? Oder noch besser ein Programm für 1.000 Fahrradpolizisten in der deutschen Hauptstadt? Vielen Polizisten in Berlin fehlt die Alltagserfahrung auf dem Fahrrad. So ist zumindest der Eindruck vieler Berliner Radfahrer, wenn sie in einer Polizeikontrolle noch immer erklären müssen, warum sie den nichtbenutzungspflichtigen Radweg nicht benutzt haben. So im Frühjahr 2009 - die Regelung besteht seit 1997 ...

London: Verdreifachung des Fahrradverkehrs seit 2000

Der neue Travel in London Report 1 zeigt erstmals umfassend den Erfolg des LCC und der Stadt für mehr Fahrradverkehr in London. "In Hackney fahren inzwischen 5,8 Prozent der Einwohner täglich Rad, nur noch 19 Prozent Auto", sagt Schick.

"Im Bereich Inner London - also den zentralen Gebieten von Greater London - hat sich der Radverkehr seit dem Jahr 2000 von einem auf drei Prozent verdreifacht. Vor allem auf den Erfolg in Hackney bin ich sehr stolz." Ähnlich wie im Prenzlauer Berg in Berlin ist Hackney ein Bezirk mit ehemals vielen besetzten Häusern.

Berlin: Sicherheitsabstand beim Rad fahren oft gar nicht lustig

Was ist eigentlich so falsch daran, Rad fahrende Polizisten an den notwendigen Sicherheitsabstand zum Bordstein zu erinnern? Wer dies in Berlin tut, hat oft auch in der deutschen Hauptstadt wenig zu lachen. Einfache Regeln wie das sichere Überholen von Radfahrern durch Autofahrer - mit mindestens 1,50 Meter seitlichem Sicherheitsabstand - werden auch in Berlin täglich massenhaft ignoriert.

London: Almosen für Fahrradverkehr streitig machen ...

Während sich die britische Sun über "mehrere tausend Pfund" für den Druck einen Handbuchs für Rad fahrende Polizisten beschwert, wird jeder Brite zurzeit mittels Abwrackprämie mit 2.000 Pfund belohnt, wenn er sich ein neues Auto kauft. Im Finanzjahr 2009/2010 stehen dafür 300 Millionen Pfund zur Verfügung. So einfach ist die Hierarchie für diejenigen, die einfach nur sicher und umweltfreundlich mit dem Rad von A nach B kommen wollen - irgendwie lustig ...

... Fahrradförderung unter Boris Johnson verlangsamt

"Meines Eindrucks nach hat sich unter dem neuen Bürgermeister Boris Johnson die Förderung des Rad fahrens eher verlangsamt", sagt Oliver Schick. "Zwar wird jetzt sogar mehr Geld als unter Ken Livingston investiert, es war aber noch mehr geplant. Oft scheint es so, dass jetzt in der Verwaltung der Wille nicht mehr da ist, sich konsequent fürs Fahrrad einzusetzen - zum Beispiel bei den geplanten neuen Cycle Superhighways. Noch sieht man davon nichts."