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Radfahren in Berlin
weniger
tödliche Fahrradunfälle

Berlin: Ein Drittel weniger tödliche Fahrradunfälle

Berlin, 3. Dezember 2009

Radfahren in Berlin wird sicherer. Nach den vorläufigen Zahlen der Polizei sind in diesem Jahr sieben Radfahrer tödlich verunglückt, vier weniger als im Vorjahr. Damit wurde der niedrigste Stand seit dem Fall der Berliner Mauer erreicht. Noch 2003 wurden in der Bundeshauptstadt mehr als drei Mal so viele tödliche Fahrradunfälle registriert.

Je mehr Menschen mit dem Fahrrad unterwegs sind, desto sicherer wird der Fahrradverkehr - zumindest wenn die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer zu Grunde gelegt wird. Demnach ist der Radverkehrsanteil in Berlin seit Anfang 2000 von zehn auf 13 Prozent gestiegen - eine Zunahme von 30 Prozent. Gleichzeitig ist die Zahl der tödlich verletzten Radfahrer von 24 (2003) auf sieben in diesem Jahr gesunken - eine Abnahme um 70 Prozent.

Tragische Unfälle und vermeidbare Unfallursachen

Berlins Fahrradbeauftragter Benno Koch hat die aktuellen Zahlen für das zu Ende gehende Jahr 2009 heute bei der Berliner Polizei abgefragt. "Die rückläufigen Zahlen sind ein wichtiger Erfolg für die Fahrradstadt Berlin. Doch menschlich gesehen ist jeder Einzelne der sieben tödlichen Fahrradunfälle tragisch", so Koch. "Vor allem wenn es um vermeidbare Unfallursachen wie den toten Winkel an Lkw oder zu geringem Sicherheitsabstand von Pkw geht."

Bis Mitte 2009 Null tödlich verletzte Radfahrer in Berlin

Tatsächlich wurde bis Mitte 2009 kein einziger tödlicher Fahrradunfall in Berlin registriert. Doch als am 24. Juni eine 34-jährige Radfahrerin auf einem Radweg der Danziger Straße (Pankow) von einem rechtsabbiegenden Lkw überrollt wurde, hatte sie keine Chance.

Tödlich: Benutzungspflichtiger Gehweg-Radweg rechts vom rechtsabbiegenden Lkw im toten Winkel

Besonders tragisch: Die erste tödlich verletzte Radfahrerin 2009 wurde mithilfe der dort geltenden Radwegebenutzungspflicht auf einen vielleicht 100 Meter kurzen Radwegstummel in den toten Winkel des Lkw geführt. Vor und hinter der Kreuzung fahren Radfahrer ohne Radweg im Sichtfeld des Kfz-Verkehrs auf der Fahrbahn. Und: Einen bereits vor fast 20 Jahren von frühen Fahrradaktivisten mit dem eindeutigen Namen "Die Radikalen" illegal und nur für eine Nacht auf die Fahrbahn gepinselten Radfahrstreifen soll es jetzt auch legal geben - im Jahr 2010.

Fußgänger vs. Radfahrer auf dem Radweg - Radfahrer stirbt, Fußgänger flüchtet

Nicht weniger tragisch ist der zweite tödliche Fahrradunfall in diesem Jahr. Im Polizeibericht heißt es schlicht: "Fußgänger quert unaufmerksam den Radweg, Radfahrer stürzt beim Bremsen. Fußgänger entfernt sich unerlaubt vom Ort." Der 44-jährige Radfahrer verunglückte am 16. Juli um 17.40 Uhr auf einem viel zu schmalen Radweg - an der Sonnenallee gegenüber vom Hotel Estrel in Neukölln.

Stürzen Radfahrer wirklich tödlich ohne Fremdverschulden?

Ein paar Tage später am 29. Juli soll ein 76-jähriger Radfahrer bei einem "Sturz, Fremdverschulden nicht erkennbar" tödlich verunglückt sein. Die Straße am Schaltwerk in Spandau ist eine ruhige Sackgasse ohne Radweg - eigentlich. Um 17.17 Uhr könnte vielleicht etwas mehr Verkehr gewesen sein. Wurde der alte Mann vielleicht kurz zuvor zu dicht überholt?

Genau diese Unfallursache wurde auch einen Monat später am 25. August auf dem Mariendorfer Damm in Tempelhof-Schöneberg nicht festgestellt. Stattdessen heißt es: Der 75-jährige "Radfahrer schwenkte plötzlich nach links, fährt gegen fahrenden Pkw und stürzt" tödlich. Als vorläufige Unfallursache gibt die Polizei einen "Verstoß gegen das Rechtsfahrgebot" durch den Radfahrer an.

Massenhaft ignoriert: Mindestabstand 1,50 Meter beim Überholen von Radfahrern

Gibt es da nicht einen Mindestabstand von 1,50 Meter beim Überholen von Radfahrern durch Kfz? Und ist nicht die Spurbreite eines Fahrrades etwa einen Meter breit? Und müssen Radfahrer nicht auch einen Sicherheitsabstand zum Bordstein und parkenden Autos von etwa einem Meter halten? Macht zusammen 3,50 Meter - hat der Pkw-Fahrer den Radfahrer wirklich auf der zweiten Spur überholt? Oder gab es Ärger, weil das Opfer den schmalen, holprigen und nichtbenutzungspflichtigen Radweg nicht benutzte?

Nur vier Tage später starb am 29. August eine 70-jährige Radfahrerin auf der  Landsberger Allee (Friedrichshain-Kreuzberg). Als sie "entgegen der vorgeschriebenen Richtung den Gleisbereich überquert", wird sie von einer Straßenbahn erfasst.

Radfahrer ohne Sicherheitsabstand überholt - Pkw-Fahrer begeht Fahrerflucht

Bereits am 8. September kommt es erneut zu einem tödlichen Fahrradunfall - erstmals mit der offiziellen Unfallursache "Überholen mit zu geringem Sicherheitsabstand. Pkw entfernt sich unerlaubt vom Ort." Diesmal traf es einen 68-jährigen Radfahrer, der gegen 16 Uhr auf der Johannisthaler Chaussee in Neukölln unterwegs war. Auch hier gibt es einen nichtbenutzungspflichtigen Holperradweg auf dem Gehweg - und vielleicht eine vorsätzliche Abstrafung des Radfahrers durch einen Pkw-Fahrer mit Unfallflucht?

Ohne Zeugen - toter Radfahrer kann nicht widersprechen

Zuletzt starb am 19. November ein 24-jähriger Radfahrer im Krankenhaus. Er war zwei Tage zuvor gegen 5:30 Uhr an der Kreuzung Greifswalder Straße Ecke Thomas-Mann-Straße (Pankow) mit einem Pkw zusammengestoßen. Laut erster polizeilicher Unfallaufnahme soll der junge Mann bei Rot gegen den aus der Nebenstraße kommenden Pkw gefahren sein. Die Polizei sucht noch Zeugen.

Straßenverkehrsordnung soll ältere Menschen besonders schützen - die Praxis zeigt das Gegenteil

Ist es wirklich immer so wie es scheint? Radfahrer haben keinen Beifahrer, oft keine Zeugen und noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen. Doch die Opfer entsprechen nicht dem Vorurteil: Vier der sieben tödlich verletzten Radfahrer in diesem Jahr waren längst im Rentenalter.

Eigentlich soll die Straßenverkehrsordnung genau diese Zielgruppe besonders schützen: "Fahrzeugführer müssen sich gegenüber Kindern, Hilfsbedürftigen und älteren Menschen, insbesondere durch Verminderung der Fahrgeschwindigkeit und durch Bremsbereitschaft, so verhalten, dass eine Gefährdung dieser Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist", heißt es in der Straßenverkehrsordnung (StVO) §3.

Radfahren - gleichberechtigte Teilnahme am Straßenverkehr jahrzehntelang nicht gewollt

Menschliches Fehlverhalten ist die Ursache für 95 Prozent aller Straßenverkehrsunfälle - auch für Fahrradunfälle. Und viele Verhaltensweisen sind jahrzehntelang eingeübt worden - die gleichberechtigte Teilnahme von Radfahrern am Straßenverkehr gehörte nicht dazu. Stattdessen gab es jede Menge Vorurteile, mit denen Radfahrer an den Rand und auf die Gehwege gedrängt wurden.

Pressemitteilung des neuen Bundesverkehrsministers wäre jetzt ein einfacher Anfang

Seit einigen Jahren soll nun alles anders werden. Wenn es das Land Berlin mit seiner Radverkehrsstrategie und die Bundesregierung mit ihrem "Nationalen Radverkehrsplan 2002-2012" ernst meinen, muss sich mehr als bisher ändern.

Wie wär's mit einer von der Fahrradszene lange erwarteten Klarstellung? Eine Pressemitteilung des neuen Bundesverkehrsministers Peter Ramsauer zur bereits seit 1998 weitgehend aufgehobenen Radwegbenutzungspflicht und zum Mindestabstand beim Überholen von Radfahrern auf der Fahrbahn wäre ein einfacher Anfang. Der nicht weh tut, bringt mehr Menschen freiwillig aufs Fahrrad und würde diesem Land gut tun wie ein Friedensvertrag am Hindukusch. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung steht ja schon mal eine Absichtserklärung: "Der Radverkehr stellt für uns einen wichtigen Bestandteil städtischer Mobilität dar" ...