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Fahrradaktivisten
Keune und Koch:
"Sinnloser
Toter-Winkel-Unfall"

Toter Winkel - Fahrradaktivisten Keune und Koch ketten sich an

Berlin, 20. Mai 2010

Berlin-Adlershof, Wegedornstraße Ecke Ernst-Ruska-Ufer, 7.00 Uhr heute morgen. Eine Radfahrerin fährt auf dem zum Radweg erklärten Gehweg der Teltowkanalbrücke. Ein zunächst in gleicher Richtung fahrender Lkw biegt rechts ab, kreuzt dabei den Radweg und verletzt die Radfahrerin tödlich.

Es ist ein typischer Toter-Winkel-Unfall, wie es ihn bundesweit jeden Tag mehrfach gibt - je nach Zählung verunglücken dabei noch immer 100 bis 200 Radfahrer pro Jahr tödlich. So verursachen Lkw-Fahrer die Unfälle im toten Winkel nicht nur beim Rechtsabbiegen, sondern auch beim Geradeausfahren und beim Linksabbiegen. Eine klare Regelung für die Aufnahme der Unfallursache "toter Winkel" gibt es im polizeilichen Unfallerfassungsbogen nicht.

Spätestens seit dem großen öffentlichen Aufschrei im Frühjahr 2004 ist klar, dass die Ausrede "er konnte doch nichts sehen" nicht mehr gilt. Damals wurden an einem Tag in Berlin zwei Radfahrer von rechtsabbiegenden Lkw-Fahrern tödlich verletzt - der 8-jährige Dersu auf einem Radweg der Charlottenburger Bismarckstraße und ein 60-jähriger Radfahrer auf einem Radweg der Klosterstraße in Spandau.

Wenige Tage später hatten der damalige Fahrradbeauftragte Benno Koch und der Familienvater Martin Keune gemeinsam mit dem niederländischen Initiator des DOBLI-Spiegels Wilbert van Waes erstmals gezeigt, wie man den toten Winkel an Lkw beseitigt. Zum Preis von gerade mal 150 Euro. Vor dem Roten Rathaus in Berlin wurden so 100 Kinder im toten Winkel sichtbar gemacht - anstatt ihnen wie bisher zu erklären, dass Lkw-Fahrer blind abbiegen.

Keune, auch Chef einer Berliner Werbeagentur, organisierte eine Spendenaktion für 100 DOBLI-Spiegel, die den Berliner Spediteuren geschenkt wurden. Später startete das Land Berlin auf Vorschlag seines Fahrradbeauftragten eine Bundesratsinitiative zur Beseitigung des toten Winkels - und seit einem Jahr müssen auch Alt-Lkw mit "sichtverbessernden Systemen" gegen den toten Winkel nachgerüstet werden. Mit zusätzlichen Spiegeln oder Kameras.

Gereicht hat das alles nicht. In ihrer Pressemitteilung zum heutigen Unfall verschweigt die Berliner Polizei weiterhin die Frage und Antwort nach den korrekten Spiegeln gegen den toten Winkel - waren die am Unfallfahrzeug vorhanden und richtig eingestellt? Wie kontrolliert die Polizei eigentlich die neuen Spiegelvorschriften - gibt es Schablonen, Einstellplätze oder Bußgelder?

Auch die Fahrradstadt Berlin hat es sich in ihrem hart erarbeiteten Image bequem gemacht, man fördere den Fahrradverkehr doch ganz konsequent. Natürlich hat Radfahren auch viel mit Psychologie zu tun - ist es gesellschaftlich akzeptiert, ist es sicher und geht es überhaupt? Auf der anderen Seite investiert die Stadt Berlin nur ganze 0,4 Prozent ihrer Verkehrsausgaben in den Fahrradverkehr, obwohl 13 Prozent aller Wege mit dem Rad zurückgelegt werden.

Auch neue Radwege entsprechen nicht immer dem Stand der Technik und werden noch zu oft zu Lasten der Fußgänger auf Gehwegen geführt. Und mit zu oft tödlichen Folgen für Radfahrer selbst - 81 Prozent aller schweren und tödlichen Fahrradunfälle finden im Kreuzungsbereich auf baulich angelegten Radwegen statt. Also auf dem Gehweg wie heute morgen.

Radverkehrsanlagen aus einem Guss müssen das Ziel sein - wie bei Straßen für den Kfz-Verkehr selbstverständlich. In einer Stadt wie Berlin heißt dies, Radspuren auf den Fahrbahnen im Sichtfeld der Autofahrer zu markieren. Die Haltelinien für Radfahrer müssen an Kreuzungen fünf Meter vor dem Kfz-Verkehr und über die gesamte Fahrbahn vorgezogen werden. Dafür gibt es sogar schon die geänderten Regelpläne - konsequent umgesetzt werden sie jedoch nicht.

Um das Thema Toter Winkel nicht allein den trauernden Angehörigen der getöteten 49-jährigen Radfahrerin zu überlassen, haben sich die Berliner Fahrradaktivisten Keune und Koch heute Nachmittag spontan entschlossen, vor Ort ein Zeichen zu setzen. Mit einer Kette und Schlössern ketteten sie sich symbolisch an der Unfallkreuzung fest, um ihren Protest auszudrücken.

"Es gibt keinen sinnloseren Tod als im toten Winkel eines Lkw", diktierte Koch den innerhalb von Minuten zum Unfallort bestellten Journalisten in den Block. "Tödliche Unfälle dürfen nicht nur in Statistiken und Gesetzes-Kompromissen thematisiert werden, sie müssen bekämpft werden, wo sie stattfinden: Auf der Straße!" gibt Martin Keune seiner Wut und Ohnmacht Ausdruck.

 

Hintergrund

- Fotos der Fahrradaktivisten Keune und Koch und der Aktion auf www.benno-koch.de ansehen

- die Fotos der Aktion dürfen von Medien kostenlos verwendet werden, Belegexemplar oder Link wäre nett

- Martin Keunes DOBLI-Spendenaktion ist noch im Archiv unter www.semlin.de nachzulesen, seine Agentur unter www.zitrusblau.de zu finden

- die offizielle Website des DOBLI-Initiators Wilbert van Waes ist unter www.dobli.com zu finden

- Rechtsberatung: Radfahrer und Angehörige von Unfallopfern müssen ihre Rechte stärker wahrnehmen, nur wenige Rechtsanwälte und noch weniger Sachverständige vertreten die Rad fahrende Klientel genauso engagiert, wie es für Autofahrer selbstverständlich ist; Rechtsanwalt Martin Karnetzki (Büro 03381/309787, Mobil 0172/3954624) hat viele Jahre lang den Vorstand des ADFC Berlin beraten, eine regelmäßige Rechtsberatung für Radfahrer aufgebaut und zahlreiche Toter-Winkel-Unfälle gerichtlich begleitet