Login  
/uploads/pD/yG/pDyGbHuH_O_tZqRcUX4NGg/picture09573-Tempelhofer-Hafen-fehlende-Fahrradbuegel-Vorschau-6cm.jpg
Tempelhofer Hafen
fehlende Fahrradb├╝gel

Felgenkiller am Tempelhofer Hafen

Berlin, 11. Juni 2009

Hat der Einzelhandel sein Gespür für Kundenwünsche verloren? Obwohl die Berliner Bauordnung keinen einzigen Pkw-Parkplatz mehr fordert, werden riesige Parkhäuser gebaut - die nicht einmal an Spitzentagen ausgelastet sind. Sichere Stellplätze für Fahrräder werden dagegen konsequent vergessen.

Der Ansturm Ende April 2009 war groß: Auf 19.500 Quadratmetern Verkaufsfläche hatten 70 Läden und Restaurants in der neuen Mall am Tempelhofer Hafen eröffnet. Ein alter Speicher und sogar Deutschlands erste Marina mit U-Bahnanschluss sollen Einzigartigkeit im Wettbewerb der Shoppingcenter versprechen. Vieles scheint tatsächlich gelungen, auch wenn noch gebaut wird. Doch wie gewohnt werden auch hier Radfahrer wie Kunden zweiter Klasse behandelt: 600 Pkw-Parkplätzen stehen nur 22 Fahrradbügel gegenüber.

Nur 22 Fahrradbügel, aber 600 Pkw-Parkplätze warten auf Kunden

Ein Test an den Eröffnungstagen 29. und 30. April 2009 durch Berlins Fahrradbeauftragten Benno Koch zeigt Bekanntes und zugleich Überraschendes: Vor dem Haupteingang und an den umliegenden Straßen stapeln sich mehr als 200 Fahrräder der Kunden gleichzeitig, obwohl der Tempelhofer Damm direkt vor der Tür der neuen Mall nicht gerade als fahrradfreundlich gilt. Die Berliner Bauordnung fordert allein bezogen auf die Verkaufsfläche - statt der 22 vorhandenen - 65 Fahrradbügel für 130 Fahrräder. Hinzu kommen Fahrradstellplätze für Büros der mehr als 500 Mitarbeiter.

Tatsächlich stehen nur 400 Pkw mehr als 200 Fahrrädern zur Eröffnung gegenüber

Ein vollkommen anderes Bild zeigt das riesige Parkhaus für 600 Pkw - selbst an den Eröffnungstagen ist das obere und zugleich größte Parkdeck nahezu leer. Rund 400 Pkw haben aber auch hier ein kleines Verkehrschaos verursacht. Auf dem angrenzenden T-Damm hat sich ein Stau gebildet, der Nichteingeweihte glauben lässt alle Schnäppchenjäger kämen mit dem eigenen Pkw. Ein Dutzend Polizeibeamte kümmert sich liebevoll um die ins Parkhaus abbiegenden Autofahrer.

Die meisten Kunden kommen mit der U-Bahn - und zahlen indirekt das Parkhaus mit

Auf meine Frage an einen der Wachmänner am Haupteingang, wo denn hier die sicheren Fahrradbügel zu suchen seien, nur Schulterzucken - eben Pech gehabt. Später wird Business Network Marketing in einer Pressemitteilung verkünden, 255.000 Besucher seien an den ersten sieben Eröffnungstagen zum Tempelhofer Hafen gekommen - macht 36.429 Besucher pro Tag. Die meisten von ihnen sind mit der U-Bahn gekommen, viele mit dem Fahrrad und weniger als gedacht mit dem Pkw. Die ersten 90 Minuten parken Pkw-Fahrer bei Einkäufen im Media Markt oder bei Edeka kostenlos - U-Bahn- und Fahrradfahrer subventionieren also das Parkhaus mit ihren Einkäufen.

Felgenkiller am Tempelhofer Hafen - die vorgeschriebenen Fahrradbügel fehlen noch immer

Gut einen Monat später Anfang Juni mache ich einen zweiten Test am Tempelhofer Hafen. Rund 130 Pkw verlieren sich zur besten Shoppingzeit am frühen Abend im Parkhaus, vor dem Haupteingang stehen 55 Fahrräder. Hinzugekommen ist eine Rabatte von so genannten Felgenkillern - es gibt keine Anlehn- und Anschließmöglichkeit für den Fahrradrahmen, aber das Vorderrad verbiegt sich schon mal gerne. Von der Berliner Bauordnung sind daher eben jene Vorderradhalter auch ausdrücklich verboten.

Sind Architekten und Bauaufsicht beim Thema Fahrrad blind?

Was treibt Investoren und Projektentwickler - wie im Fall des Tempelhofer Hafen die REM+tec Architekten - immer wieder zu derart krassen Fehleinschätzungen der Verkehrs- und Kundenströme sowie des Modal Split? Letzterer beträgt in Berlin 37 Prozent für Pkw und 12 Prozent fürs Fahrrad - schon alleine diese Zahlen geben einen ersten Aufschluss über die Kundenströme.

Tatsächlich schreibt die AV Stellpätze - als Ausführungsvorschrift zur Berliner Bauordnung - detailliert die Anzahl und Qualität der Fahrradstellplätze vor. Zum Beispiel einen Fahrradstellplatz pro 150 Quadratmeter Bruttogrundfläche bei großflächigem Einzelhandel. Die REM+tec Architekten geben die Bruttogrundfläche sogar mit 75.000 Quadratmetern an - macht eigentlich 250 Fahrradbügel für 500 Fahrräder.

Und was macht eigentlich die für Genehmigung und Überwachung von Bauvorhaben zuständige Bauaufsicht des zuständigen Bezirkes Tempelhof-Schöneberg beim Thema Fahrradparken? Wie überschätzt dagegen der Bedarf von Pkw-Parkhäusern ist, zeigt eine aktuelle Untersuchung des Bezirkes Berlin-Mitte - die Auslastung liegt bei gerade mal 30 Prozent.

 

Hintergrund Fahrradparken in Berlin

- die Berliner Bauordnung (BauOBln) unter www.berlin.de (§50, Seite 32: Abstellmöglichkeiten für Fahrräder) nachlesen

- die Ausführungsvorschriften (AV Stellplätze) zu §50 BauOBln unter www.berlin.de nachlesen

- die Ablöseverordnung (FahrAbVO) für nicht errichtete Fahrradstellplätze entsprechend §50 BauOBln unter www.berlin.de nachlesen

- allgemeiner Leitfaden zum Fahrradparken in Berlin (pdf-Broschüre) unter www.berlin.de herunterladen

- für das Fahrradparken sind die Berliner Bezirke zuständig; bei fehlenden oder nicht ausreichenden Fahrradabstellanlagen zum Beispiel bei Neubauten einfach direkt an den entsprechenden Bezirk oder an den Berliner Fahrradbeauftragten Benno Koch wenden

- Fotos Fahrradabstellanlagen in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen oder selbst hochladen