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Mode aus Sachsen:
Wollm├╝tze trifft
Fahrradhelm

Berliner Fahrradschau - die neue Lust der Modelabels

Berlin, 7. März 2010

Normalerweise trifft sich im ehemaligen Postgüterbahnhof am Gleisdreieck die Modeszene. Nun gibt die "Station-Berlin" an diesem Wochenende erstmals dem "Lifestyle- und Kultobjekt" Fahrrad eine Bühne. Benno Koch hat sich das neue Steckenpferd der Labelchefs angesehen.

Während die Haute Couture Szene in Paris, London oder Mailand nicht den kleinsten Verdacht erahnen lässt, gelegentlich auch mal Rad zu fahren, holen sich die Macher der Premium Exhibitions in Berlin gleich eine eigene Fahrradmesse ins Haus.

Spätestens als Modedesigner Wolfgang Joop im Januar 2008 von rabiaten Parkwächtern im Potsdamer Neuen Garten vom Rad geholt wurde, kippte auch ein altes Klischee der Wirtschaftswunderzeit - die große Limousine wird als Statussymbol nicht mehr gebraucht.

"Viele unserer Labelchefs fahren gerne Fahrrad", sagt Premium PR-Frau Kristina Linke. "So ist die Idee für die erste Berliner Fahrradschau entstanden." Nun soll auch mit der eindimensionalen und klischeehaften Auffassung eines Fahrrad lediglich als alternatives Verkehrsmittel Schluss sein.

Am heutigen Sonntag können sich bis 18 Uhr gleich ganze Familien davon überzeugen, ob die Berliner Fahrradschau eine Chance verdient hat - selbst eine professionelle Kinderbetreuung soll auch die Kleinsten begeistern.

Fahrradmessen sind ein schwieriges Pflaster. Von Berlin aus liegen sie meist am anderen Ende der Welt - zum Beispiel am Bodensee. Und sie gleichen oft einem beliebigem Gemischtwarenladen. Klare Markenbildung - wie im Automobilbereich selbstverständlich - ist in der Fahrradbranche scheinbar Zufall. Echte Innovationen - also jenseits von "Weltpremieren" am Beispiel einer "Weißen Fahrradglocke" (!) (Eurobike 2009) - sind Mangelware.

Die Berliner Fahrradschau ist ein durchaus sympathischer Anfang aus der klassischen Fahrradszene auszubrechen. Schon die alte Industriearchitektur der einstigen Postgüterhalle und die großzügigen Lounges zum Entspannen beeindrucken. Den Einlass übernimmt gleich der Model-Nachwuchs. Und die riesige Halle für's Bike Polo könnte wohl selbst Prinz Charles neidisch machen.

Viele der rund 60 Aussteller kommen aus der Region Berlin-Brandenburg und Ostdeutschland. So zeigt das Berliner Fahrradkurier Unternehmen Messenger seinen mit dem Preis "Deutschland - Land der Ideen" ausgezeichneten Cargo Cruiser. "Die Zukunft der Lastenräder sehe ich für uns aber vor allem in den etwas kleineren Bullitts", sagt Dirk Brauer von Messenger. "Ähnlich wie bei den normalen Pedelecs sollen diese Lastenfahrräder auch eine Elektrounterstützung bekommen."

Direkt gegenüber ist der Stand von Larry vs. Harry zu finden - der Hersteller des Bullitts. Das Lastenrad ist leichter und wendiger als seine Vorgänger. Und es ist die Plattform von Joe Hatchiban. Der 36-jährige Ire fährt im Sommerhalbjahr jeden Sonntag mit seinen Lautsprecherboxen in den Mauerpark - und begeistert die Parkbesucher mit seiner Karaoke-Show.

Wirklich futuristisch kommt ein paar Stände weiter das Grace daher. Es sei das weltweit erste E-Motorbike mit Straßenzulassung. Auf einer Strecke von 30 bis 50 Kilometern kann mit Tempo 45 zumindest die Schallmauer für Fahrradfahrer durchbrochen werden. So muss für seine Präsentation auch mal eine Startbahn bei Eberswalde herhalten.

"Wir haben zwanzig Bestellungen", sagt Frank Müller von speed-e.me, wo das Grace geordert werden kann. Natürlich sei man kein Fahrradladen - es ginge darum, Lifestyle-Konzepte mit Elektro-Mobilität zu verbinden.

Tatsächlich ist der Weg für das 6.993 Euro teure Grace - in der Base-Edition - noch ein wenig länger als geplant. Die notwendige Straßenzulassung lässt auf sich warten und soll möglicherweise im Mai folgen. Ob das E-Motorbike denn schon mal komplett auf einem Prüfstand getestet wurde, will ich wissen? Immerhin wirken bei Pedelecs und E-Bikes ein Vielfaches der vom "normalen" Fahrrad gewohnten Kräfte. Naja, es seien bereits einige Teile verstärkt worden ...

Ein weiterer Trend ist der neue Zahnriemenantrieb von Gates. Der Magdeburger Hersteller Schindelhauer setzt mit seinen Bikes auf Design und einen praktisch wartungsfreien Antrieb aus den USA. In der Kombination aus einem neu entwickelten Kohlefaser-Zahnriemen der Gates Corporation und einer Nabenschaltung gehören die gute alte Kettenschaltung und ein hoher Verschleiß der Vergangenheit an. Der Zahnriemen soll 22.000 Kilometer halten - also je nach Belastung bis zu zehn Mal länger als eine Kette - und rund 120 Euro kosten.

Etwas ungläubig will ich mich mit einem letzten Foto an einem Pudelmützenstand verabschieden. Tatsächlich hat die Firma helt-pro aus dem sächsischen Elsterheide ihr Herz für modebewusste Radfahrer entdeckt. Zum Beispiel die Modelle Dimitrij, Solveig oder Mascot bieten vom Schlappohrdesign mit Wildlederoptik, über geflochtenes Strickdesign mit Zöpfen bis hin zur geringelten Bommelmütze praktisch jede Modesünde - inklusive einer nahezu unsichtbaren integrierten Hartschale.

Nicht ganz so zufrieden zeigte sich der ADAC im vergangen Jahr mit den schicken Helmen: "Das Produkt konnte im direkten Vergleich mit Helmen in keinem Prüfkriterium überzeugen. Durch die dünne, harte Schale sind die Stoßdämpfungseigenschaften ungenügend", räumt selbst helt-pro auf seiner Website ein. Eigentlich ging es im Test um Ski- und Snowboardhelme, die jüngst für Kinder und Jugendliche in einigen Ländern Pflicht wurden. Und sicherlich sind die "coolen Beanies" auch nur die letzte Rache gegen die Helmfanatiker dieser Welt - mit einem Preis zwischen 80 und 120 Euro ...